Schon so lange sie denken kann hatte Devi davon geträumt einmal alles zu wissen, was es zu wissen gibt. So gab es kaum einen Tag an dem sie nicht unentwegt dabei war ihre Umwelt zu erforschen. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen keine Sache zweimal zu machen, denn trotz ihres noch jungen Alters war ihr bewusst, dass sie ansonsten niemals alles kennen lernen würde. Diese Einstellung machte es ihr schwer Freundschaften zu führen. Die Nachbarskinder wollten ihrer Ansicht nach zu oft die gleichen Spiele spielen. Diese Eintönigkeit frustrierte und langweilte sie. Wesentlich interessanter und besser zum Lernen empfand sie die Erwachsenen, welcher auch viel mehr ihre Sprache zu sprechen schienden. Sie waren voll mit Wissen. Es schmeichelte ihr zudem, dass sie so beeindruckt von ihrem jungen Intellekt waren. Allena, ihre Mutter machte sich über diese Entwicklung ihrer Tochter Sorgen. In zahlreichen Versuchen gelang es ihr nicht ihre Tochter wieder in den Kontakt mit gleichaltrigen zu bringen. Devi wehrte sich zunehmend wütend gegen diese Interventionen ihrer Mutter. Sie schoss sich in ihr Zimmer ein und fing an zu lesen. Früher als ihre Altersgenossen hatte sie sich selbst mit der Hilfe ihres Vaters Alvin das Lesen beigebracht. Von da an hatte ihr Bücherkonsum beinahe täglich zugenommen. Mittlerweile hing zu jeder freien Stunde ein Zettel vor ihrer Tür, welcher das Eintreten ohne Erlaubnis versagte. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt fing auch Alvin an sich um seine Tochter zu sorgen. Er schaffte es zwar auch nicht Devi wieder zum Spielen mit anderen Kindern anzuregen, doch sie erklärte sich zumindest bereit mit der Familie in den Urlaub zu fahren und dabei die Bücher zuhause zu lassen. Die anstehende Campingreise sollte das Leben von Devi stärker verändern, als es ihr zu diesem Zeitpunkt bewusst war.
An dem Tag der Abfahrt hatte Devi alle Details über das Urlaubsgebiet und die Campingausrüstung aus ihren Eltern raus gesaugt. Aufgrund der Sprachlosigkeit der beiden erlaubten sie Devi das Mitnehmen eines Notfallbuchs, da es sich um einen Campingratgeber handelte. Aufgeregt saß Devi auf dem Rücksitz des Vans der Devikas und unterhielt sich mit ihrer fahrenden Mutter über gefährliche Tiere und giftige Pflanzen. Ihr Papa schrumpfte zunehmend in seinem Sitz zusammen. Er hatte zwar normalerweise keine Angst vor Tieren und Pflanzen, doch die Todesstatistiken und genauen Beschreibungen der Qualen, welche die Wildnis-Opfer ertragen mussten schlugen ihm aufs Gemüt. Durch das frühe Aufbrechen hatte er zudem nur ein kleines Toast mit Marmelade gefrühstückt. Mit einer zittrigen Bewegung nach hinten legte er eine Hand auf Devis Knie und bat sie ein etwas lebensbejahenderes Thema zu wählen. Seine Tochter hatte die Fähigkeit gewonnen ihre Geschichte so anschaulich zu erzählen, dass er sich gezwungen fühlte diese beinahe physisch mitzuerleben. Dies hatte aber auch seine positiven Seiten. Wenn er nachmittags von seiner Teilzeit-Arbeits-Stelle als Schulsozialarbeiter zurück kam und wirklich erschöpft war, dann gab es nicht besseres als eine ausgedachte Geschichte von Divi zu hören. Über die letzten Monate und Jahre war es zu einer regelrechten Tradition geworden. Anfangs war zwar er es noch, der Geschichten vorlas. Doch sobald sie des Lesens mächtig war, meckerte sie beinahe an jeder Stelle über die Geschichten. So übernahm sie schließlich die Aufgabe. Alvin und Allena hatten so oder so ähnlich immer mehr Aufgaben ihrer Tochter überlassen. Sie dekorierte die Wohnung, beschloss welche Gäste zur Geburtstagsfeier von ihnen eingeladen wurden und kannte beinahe alle Details aus ihren Berufsalltagen. Das besorgte sie, denn sie wollten, dass ihre Tochter eine Kindheit erlebt, wie sie sie noch genossen hatten. In diese gehörte ihrer Meinung nach das unbedachte Spielen und Erfahren. Unbedacht machte Devi jedoch nichts. Deshalb gab sie die angenommenen Aufgaben auch nicht wieder ab. Man musste sie mit Argumenten überzeugen und das war schwer. War sie doch so unglaublich schlau. Mit dieser Reise wollten sie die bereits so festen Strukturen in dem Alltag ihrer Tochter aufweichen. Denn mit Worten konnten sie nicht beschreiben, was sie glaubten, dass Devi verpasste. Für dieses Projekt bekam Allena sogar zwei Wochen bei ihren beiden Jobs frei. Sie arbeitete hauptberuflich als Biologie Dozentin und zusätzlich - um das Gehalt aufzustocken - als BibliothekarIn.
Das letzte Mal als sie mit Alvin zusammen verreist waren ist Devi gezeugt worden. Es war mit die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Über beinahe zwei Monate sind sie durch den Süden gereist. Sie hatten nicht einmal in einem Hotel geschlafen. Ein Doppelschlafsack mit Zelt, Kochutensilien und ein paar Klamotten waren fast alles was sie brauchten. Die Zeit, die Natur und wunderbare Gespräche haben sie so stark wie nie zuvor zusammengeschweißt. In den Abenden saßen sie oft noch lange – in Decken eingepackt – vor dem Zelt. Alvin hatte zwei lächerlich aussehende Kopflampen gekauft, welche sie Abend für Abend aufhatten. Sie spielten Karten, tranken Wein, aßen Brot, Käse, Oliven… Rundum, sie ließen es sich richtig gut gehen. Bei dem Blick in den Nachthimmel und die ruhige Dunkelheit um sie philosophierten sie über das Leben und speziell ihre gemeinsame Zukunft. Alvins anfängliche Zweifel an einem gemeinsamen Kind verflogen zunehmend und in einer der darauf folgenden Nächte kam es wohl dazu, dass aus der Zweisamkeit eine Dreisamkeit geworden war…
Beinahe ein Jahrzehnt später fuhren sie nun zu dritt dahin zurück, wo die Dreisamkeit angefangen hatte. Bei dem Gedanken musste Alvin schmunzeln und warf einen Blick zu Allena rüber. In dem Moment des Augenkontakts wusste er, dass sie ähnlich fühlte. Devi war mittlerweile eingeschlafen. Obwohl Allena eigentlich dringend einen Gang auf die Toilette gebraucht hätte, hielt sie es aus. Es war ein zu seltener Anblick ihre Tochter am Tage schlafen zu sehen. Zum späten Nachmittag hin wachte Devi wieder auf. Das Auto fuhr nicht mehr. Es roch nach Gummi und Benzin. Richtig, sie waren an einer Tankstelle. Jetzt saß Papa am Steuer und Mama schmierte provisorisch Brote. Ein strenger Käsegeruch mischte sich zum Gummi-/Benzingeruch. Devi verging dabei zwar der Appetit, doch sie aß die schmierige Masse. Das war ihre Regel: alles was ich noch nicht kenne probiere ich aus… zumindest einmal… bei diesem Käse würde es dabei bleiben.
Wenig Zeit später waren sie an dem Campingplatz angekommen. Devi vermisste ihre Bücher und ihr Zimmer. Ein feuchter Holzgeruch unterbrach ihre Gedanken. Endlich konnte sie ausseigen und das Zelt aufbauen helfen. Darauf hatte sie sich schon den ganzen Tag gefreut. Bislang hatte sie nur ein paar Mal außerhalb ihres Bettes geschlafen und das auch nur in dem Bett ihrer Eltern. Das hier war aufregend! Der Aufbau gelang - dank ihrer Hilfe – schnell und auch das Abendessen war kurz später fertig. Es gab eine einfache Gemüse-Reis-Pfanne. Devi hätte zwar lieber etwas außergewöhnlicheres gehabt, doch die lange Autofahrt und der ungenießbare Tank-Käse hatten Hunger gemacht. Nach dem Essen entzündeten sie ein Lagerfeuer. Mama und Papa wurden sentimental und kuschelten. Aber irgendwie wars gemütlich. Ich kroch in Richtung meiner Mutter und sie zog mich an ihre Seite. Minuten, die sich wie Stunden anfühlten vergingen. Ich schaute nur gebannt ins Feuer. Die Flammen leckten am Holz und es wirkte als würde Stück für Stück das Holz schmelzen. Ich dachte darüber nach wie unterschiedlich die einzelnen Holzstücke doch schmelzen. Kann es sein, dass es auch mit dem Wissen so ist? Wie kann ich alles wissen, wenn allein ein Phänomen wie das Abbrennen von Holz so unterschiedlich ablaufen kann?

Sehr interessant, wie sich im Laufe der Geschichte dessen Erzähler-Perspektive, wie auch der Name der Protagonistin ändert...
AntwortenLöschenNoch interessanter finde ich aber die Reise der Eltern, die hört sich wunderbar an, so eine will ich auch mal machen, bist Du dabei?...;)
Wie wärs mit einem kleinen Desperados, ner Shisha und nem schönen Canasta-Match?
Das mit dem Namenswechsel war nicht beabsichtigt, Levi ist aber auch ein schöner Name für ein Mädchen :)
AntwortenLöschenFreut mich, dass du bei der Reise der Eltern scheinbar auch ein kleines Déjà Vu hattest ^^
Bald ist es soweit und wir setzten unsere Reise-Abendteuer fort. Nach Schweden, Israel und Frankreich geht's nun auf die andere Seite der Welt nach NZ. Eine Sache ist natürlich schon jetzt gepackt - meine Kopflampe! Es gibt nichts stilvolleres als wie ein Zyklop durch die Nacht zu wandern!