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Samstag, 10. September 2011

Die 2D Beziehung - zwischen Verstand und Gefühl



Meiner dualistisch oxidentischen Beobachtung nach besteht jede zwischenmenschliche Beziehung aus hauptsächlich zwei Dimensionen: zum einen die rationale Dimension und zum Anderen die emotionale Dimension, welche erst mal der Erläuterung bedürfen.

Die Rationale Dimension einer Beziehung ist vor allem durch sachliche Diskussionen und Rationalisierungen von Gefühlen und Verhaltensweisen geprägt. Dies geschieht vor allem in Zuhilfenahme des verknüpften Denkens, also der Sprache.
Bei diesem Prozess begibt man sich auf eine Metaebene, welche es ermöglicht, eigene und fremde Gefühls- und Verhaltensmuster zu analysieren. Durch diese Verarbeitung ist es möglich, sein Handeln bewusst zu planen und sich zukünftige Ziele zu setzen. Diese Rationalisierungen von Emotionen machen es möglich, seine Emotionalität zu kontrollieren und auf lange Sicht Verhaltensänderungen anzustreben. Demzufolge ist die Rationale Dimension das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie ermöglicht es, sich in das Denken von Mitmenschen einzuklinken, beispielsweise gemeinsame Interessen zu entdecken.

Trotzdem kann es durch die Rationalisierung auch dazu kommen, dass durch die Abstraktion der Kontakt zur Emotion, also dem Gefühl, abreißt. In diesem Fall werden die eigenen Bedürfnisse nicht mehr oder nur vermindert gehört und über die Dauer wie Wasser bei einem Damm aufgestaut. Irgendwann fängt der „unbefriedigte“ Geist an, sich selbst und seinen Körper „anzugreifen“ und psychische Störungen wie Depressionen oder „Burnouts“ entstehen. Parallel dazu kommt es auch häufig zu Somatisierungen, also „Verkörperlichungen“ von psychischen Leiden, welche sich beispielsweise als Kopfschmerz, Bauchschmerz, Verspannung oder andere Symptomatik bemerkbar machen.

Es zeigt sich also, dass ein gesundes Leben ohne die Integration der Emotionalen Dimension kaum vorstellbar ist. Da, wo die Rationale Dimension das Bindeglied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft ist, stellt die Emotionale Dimension das Standbein für die Gegenwart dar. Demzufolge kann man in Sachen Emotionen auch nur in der Gegenwart ansetzen, indem man seine eigenen Emotionen bzw. die der anderen versucht zu erfühlen. Dabei ist die oft genannte Empathie der zentrale Schlüssel. Es geht darum, zwischenmenschlich ein Vertrauen aufzubauen, welches Schamgefühle, Sorgen und Ängste soweit entkräftet, dass die jeweilige Emotion, zum Beispiel der Ärger auf einen anderen Menschen, Raum hat, sich zu entfalten. Das Ziel ist es sprichwörtlich: „in die Schuhe des anderen zu schlüpfen“ und die Emotion mitzutragen.

Wie die Rationale Dimension hat auch diese selbstverständlich seine Stärken und Grenzen. So gibt es vermutlich kaum etwas heilsameres für den Geist und den Körper (neben einer gesunden Ernährung und Bewegung), als das zwischenmenschliche Teilen von Emotionen. Auf der anderen Seite kann einen die alleinige Fokussierung auf die Emotion auch daran hindern, einen Überblick über die Gesamtsituation zu erlangen. Folge davon kann die Wiederholung von Verhaltensmustern sein, welche nicht zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse führen.

In den Beziehungen gibt es meiner Beobachtung nach immer wieder Verbindungen, welche entweder von dem Fokus auf eine der beiden Dimensionen geprägt sind, oder diesen Fokus Phasenweise wechseln. Eine wirkliche Kongruenz beider Dimensionen, also der ausgeglichenen Doppelfokussierung, sowohl auf den Verstand, als auch auf das Gefühl, ist meines Erlebens etwas ganz besonderes und kommt eher selten vor.

In ihrer Vollendung als perfekte Symbiose zwischen dem Denken und dem Fühlen, ist die Vorstellung vermutlich eine Utopie, nichts desto trotz, halte ich sie für anstrebenswert. Denn je genauer dieses „2D-Tandem“ funktioniert, desto mehr Handlungsfreiheit ergibt sich sicherlich für die involvierten Personen im Rahmen ihrer Beziehung und darüber hinaus.

Mittwoch, 16. Februar 2011

I - Traveling NZ - first days


Endlich ist es soweit. Mein Backpack ist gepackt, und mein Bauch ist voller Aufregung. Ich kann es kaum erwarten heute Nachmittag nach NZ zu fliegen. Ich werde mit Franzi, Freddy, Campervan und Backpacks auf der Südinsel Neuseelands reisen. Geplant ist wandern, quatschen und Land und Leute kennen lernen.

Hiermit lege ich auch den Grundstein für mein Reise-Logbuch. Ich hoffe ich finde Zeit und Möglichkeiten um mein Blog zu aktualisieren - 39 Tage liegen vor mir. Heute geht es erst mal nach London wo ich und Franzi  eine Nacht verbringen werden, bevor unser Hauptflug uns nach Auckland - über Hong Kong und Melbourne - bringen wird.

Nach beinahe zwei Tagen Aufenthalt dort geht es dann endlich nach Christchurch auf die Südinsel zu Freddy :) Nach drei Monaten werde ich sie endlich wiedersehen. Das wird das erste Highlight meiner Reise. Drückt mir die Daumen, dass alles gut läuft.
16.02.2011

Nach ueber 25 Stunden Reisezeit sind Franzi und ich endlich im Auckland angekommen. Durch unsere fruehe Ankunftszeit (5am) konnten wir noch nicht in unser Zimmer einchecken. Trotz der Uebermuedung haben wir uns zur Downtown-Auckland begeben und nach einem Fruehstueck ausschau gehalten. Dabei ist das erste Drama unserer Reise passiert. Franzi hat ihr Portemonaie verloren! Fuehrerschein, Ausweiss, Visakarte etc. alles weg.

Eingentlich schien es ein gemuetlicher Morgen zu werden. 20 Grad Celsius, kaum Leute auf der Strasse, entspannte Stimmung... Seitdem sind wir saemtliche Wege abgelaufen, haben in alle Muelleimer geguckt und in zich Geschaeften nachgefragt. Trotz dieses Dramas fuehlt sich alles noch irgendwie gedaempft an - zumindest fuer mich. Durch den wenigen Schlaf (ca.3h waehrend des Fluges) ist mein Kopf wie in Watte gepolstert. Rational checke ich die Situation und des Ausmass halbwegs. Emotional ist alles irgendwie dumpf. Ich sehene mich nach einer Dusche und einem Bett fuer die naechsten Stunden, doch ich weiss das dies gerade nicht erste Prioritaet hat. Franzi ist waehrend ich schreibe bei der Polizeit. Bevor es also ins Bett geht muessen noch saemtlich Dokumente Franzi's gesperrt werden.

Ich haette mir wirklich einen angenehmeren Rutsch in das Reise-Abenteuer vorstellen koennen. Doch es kommt ja bekanntlich meist anders als man denkt. Jetzt heisst es das beste aus der Situation zu machen. Wir werden schon eine Loesung finden wie es weiter gehen kann. Noch ein paar Stunden wach bleiben, nachdenken, beruhigen und dann haben wir hoffentlich die akute Krise ueberstanden. Gut dass wir jetzt erstmal knappe zwei Tage in Auckland haben um das zu klaeren.

Der Fluge an sich sind wirklich gar nicht mal so schlecht gelaufen. Aergerlich war, dass trotz Vorbestellung keine der 4 Mahlzeiten vegetarisch war. So musste ich auf Fisch umsteigen oder meine Naehrstoffe aus Salaten und Desserts zusammenbasteln. Ich bin auch endlich dazu gekommen die Filme Avatar und Eat Pray Love zu sehen. Beide haben mich in meiner Erwartung ueberrascht.Von dem hochgelobten Avatar war ich ziemlich enttaeuscht. Fuer mich war es nicht viel mehr als eine Action-Kriegsfilm. In ziemlicher schwarz-weiss-manier wurden die boesen Menschen und die wilden brutalen Tiere dargestellt. Keine ahnung wie dies auf 3D ausgesehen haette aber inhaltlich fand ichs ziemlich unkreativ. Eat Pray Love hat mich eher andersherum ueberrascht. Ich hatte nach einigen Kritiken einen ziemlichen langweiligen Streifen erwartet. Er war auch wirklich nicht ueberwaelltigend, doch zumindest inspririerend sich genauer mit dem Essen, Spiritualitaet und dem Umgang mit sich selbst auseinander zu setzen. Dramaturgisch war er jedoch nicht besonders gut zusammen geschnitten und ergab daher keine ganz runde Sache.

Unsern Aufenthalt in London hatten wir in einem kleinen verwinkelten Hostel im Stadtinneren. Auf der abendlichen Suche nach etwas zu Essen kamen wir schlussendlich zu einem indischen Restaurant. Preislich schien es in Ordnung und so setzten wir uns in die kalte Nachtluft. Bei der Bestellung fiel uns jedoch auf, dass man bei jeden Gericht fuer den Reis Extra bezahlen musste. Eine Erkenntnis die sich auch spaeter in NZ immer wieder auffrischen sollte. Als wir gehen wollten bot uns der Kellern einen besonderen Deal an und wir sollten fuer einen kleinen Aufpreis eine komplette Mahlzeit erhalten. Eine weile spaeter kamen unsere Teller. Auf diesem ein Flaeche Reis und ein Klecks Sosse in der Mitte. Nicht ganz das was wir von den "Berliner-Indern" gewoent waren. Normalewrweise hatten wir schwierigkeiten eine Mahlzeit fuer zwei alleine zu verdruecken. Als dann Franzis Teller sich als ein anderes Gericht rausstellte - welches ihr zudem viel zu scharf war - wollte sie ihre Bestellung annulieren. Das gestattete ihr der Kellner nicht und bestand darauf einen neuen Teller dieser Miniportion auszuliefern. Es kam zu einigen unschoenen Wortwechseln die damit endeten, dass der Kellner Leute andere Gaeste anspach ob die Preisleistung gerechtfertigt sei oder nicht. Schlussendlich blieb uns dieses wenige Essen schwer im Magen liegen und ich gestand Fanzi beim nachsten Mal die Restauratwahl zu.

Nach unseren zwei Tagen in Auckland ging es dann endlich nach Christchurch zu Freddy und es war einfach wunderbar! Endlich waren wir wieder zusammen und eine fantastische Reise sollte vor uns liegen. Freddy zeigte uns die Stadt und wir holten - am zweiten Tag - unseren Campervan ab. Es war ein Dreisitzer der den Spitznamen HULK hatte. Natuerlich war dieses gruene Monster gross auf unseren Van gesprueht. Wir machten uns also fertig fuer unseren Trip und fuhren zu Pack`n Save - einem riesigen Supermarkt. Kurz bevor wir mit dem Einkauf fertig waren fing ploetzlich die Boden an zu beben. Als wuerde jemand einem den Tepich unter den Fuessen hin und her reissen. Die Konserven neben mir - vor allem die Glasflaschen in dem ca. 5m hohen Regal fielen aus den Faechern und verwandelten den Boden zu einer roten Matschlandschaft. Freddy und Franzi waren ein paar Meter hinter mir und schnell aus dem Gebaeude geflohen. Ein Alarm schellte und einige Lampen krachten von der Decke. Ich konnte das Ausmass noch nicht wirklich begreifen und machte mich relativ gemuetlich aus dem Supermarkt. Dort hatte sich die Strasse gegen den Buergersteig gehoben und Wasser spritzte aus einigen Loechern der Strasse. Ich begraf das dies etwas ersthaftes gewesen war. Menschen um uns weinten, waren entsetzt und ich bemekte all die Sosse an meinen Beinen und meiner Hose. Kurz dachte ich an Blut, doch es war natuerlich nur Sosse. Gut das wir den Van hatten, wir machten uns - mit fast leerem Tank - ohne Essen auf den Weg zurueck ins Hostel. Alles staute sich und wir waeren 10mal schneller zu Fuss gewesen. Die Haeuser die wir passierten waren ganz oder teilweise eingerissen. Schornsteine waren abgefallen, Mauern umgestuerst. Wie bei Modell-Haesern konnte man in die Wohnungen gucken. Es wirkte wie im Film. Die Strasse unseres Hostels hatte es besonders hart getroffen. Der Buergersteig an welchen wir noch am Vortag entlanggegangen sind, der ATM... alles unter einem Haufen Steinen begraben. Zum Glueck war im Hostel nichts ernstaftes passiert.
Um uns zu erholen gingen Freddy und ich in den Van und erlebten die ca. 25 Nachbeben relativ sicher. Es fing an zu regen und die Nacht wurde zu einer langen und unruhigen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass diese Erdbeben mehr als 166 Menschen ihr Leben kosten sollten.
Meine Verzoegerung in den Blogeintraegen hat sicherlich auch mit diesem Ereignis zu tun. Aber ich werde versuchen bald wieder die versauumten Tage nachzuholen.
09.03.2011
Aus Zeitgründen werde ich mein "Online-Reise-Logbuch" vermutlich nicht mehr vervollständigen. Dafür verweise ich auf Freddy's Beschreibungen die ungefähr an diesem Zeitpunkt fortsetzen:
Link to Freddy's "Travel Journal"

Freitag, 11. Februar 2011

„Imagined Communities“ – die alltägliche Fantasiewelt –


Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens Zugehörigkeitsgefühle zu einzelnen Gruppen. In der Persönlichkeitsentwicklung ist dieses nicht wegzudenken. Die Gruppen können aus variabler Personenanzahl bestehen. Es kann der/die Lebenspartner_in, die eigene Familie, die Verwandtschaft, der Freundeskreis oder der Interessenkreis (Vereine, Arbeitsstelle etc.) sein. Solange man eine persönliche Bildung zu jedem Mitglied dieser Gruppe hat, kann ein partnerschaftlicher Austausch stattfinden, welcher wechselseitig und frei von Hierarchien sein kann. Diese Art der Bindung ist der Nährboden für langjährige Bekanntschaften, Freundschaften und Liebesbeziehungen. Alle Seiten konstruieren ein dynamisches Bild von den jeweils anderen Gruppenmitgliedern und dem Gemeinschaftsbild der eigenen Gruppe. Durch die individuelle Wahrnehmung aller Mitglieder entstehen dynamische/stabile Gruppen.

 In den „Imagined Communities“ hingegen kennt man die Gruppenmitglieder nicht alle persönlich. Die Verbindung hat einen spirituellen Charakter. Jedes Gruppenmitglied entwirft die eigene Definition von Normen und Werten durch welche sie mit der Gruppe verbunden ist. Im Zentrum dieser kann ein Mensch (e.g. eine Berühmtheit), eine Gruppe von Menschen (e.g. Fußballteam, Band) oder schlichtweg eine Abstraktion stehen (Lebenseinstellung: Hobbie, Religion, Philosophie etc.). Eine sehr populäre Gruppe bildet beispielsweise „die Menschheit“ – die meisten Leute fühlen sich zu dieser zugehörig. Es gibt jedoch auch „intellektuelle Aussiedler_innen“ welche sich eher in anderen Kategorien wiederfinden (e.g. dem Kosmos, der Natur, den Lebewesen). Dies sind Personen wie „Timothy Treadwell“ [Grizzly Man] und „Christopher McCandless“ [Into the Wild] oder „Shaun Monson“ [Earthlings]. Je abstrakter die Gruppe der Zugehörigkeit wird, desto mehr Freiheit entsteht für die Selbstentfaltung. 
Diese „Separation“ aus der Hauptgruppe führt jedoch auch zum Entkoppeln aus der Gesellschaft. Denn der „hegemoniale-Diskurs“ [vorherrschende Identifikation] verliert durch den eigenen Paradigmenwechsel nicht an Macht und Einfluss. Ich vertrete deshalb die Meinung, dass kein Weg an der Beschäftigung mit dem „Mainstream“ und deren Gruppierungen vorbei führt, wenn man seine eigenen Freiheiten und Werte ausleben will.

Wenn ich also für die Rechte der Tiere und Pflanzen oder sogar des ganzen Planeten eintreten will, reicht es nicht die eigene Lebenseinstellung zu verändern und alles andere zu verurteilen. Ich muss verstehen wie die Gruppendynamiken meiner Gesellschaft in den einzelnen Teilbereichen funktionieren.

Das führt mich zu 3 Fragen:
  1. Worüber identifizieren sich welche Gruppen und welches Spektrum gibt es bei den einzelnen Gruppenmitgliedern in der Identifikationsart?
  2.  Wie kommt es zu dieser Identifikation – welche psychologischen und soziologischen Muster führen zu einer solchen abstrakten Bindungsform?
  3. Welche Bedürfnisse befriedigt eine „Imagined Community“?

Ich halte es für wichtig bei der Analyse der „Imagined Communities“ bei den individuellen Bedürfnissen anzufangen, welche durch diese befriedigt werden. Denn die Bedürfnisse sind vermutlich der Hauptantrieb für das festhalten an den „Imagined Communities“. Will man diese kritisch reflektieren und dekonstruieren, könnten die Bedürfnisse also ein Hebelpunkt für einen Identitätswandel sein. Ich muss dazu schreiben, dass das Ziel der Dekonstruktion nicht die Manipulation des anderen und die Durchsetzung der eigenen Lebenseinstellungen ist. Das Ziel ist der Prozess der Reflexion und der kritischen Auseinandersetzung mit der Umwelt und Innenwelt. Ich gehe davon aus, dass sich die Identifikation automatisch neue Ideale sucht.

5 Faktoren die mit den Bedürfnissen zusammenhängen:
  1. Der Unterhaltungsfaktor – passiver Konsum – „vorgetäuschte Teilhabe“ – Matrix
  2. Fluchtfaktor – Suche nach einer anderen Realität – Projektion eigener Probleme – u.a. das Ausleben von Aggressionen
  3. Der Ablenkfaktor – Nervenkitzel – zwischen Stress und Euphorie
  4. Der ästhetische Faktor – e.g. Liebe zu Sport/Musik/Kunst etc. pp.
  5.  Ein geliehener Selbstwert – eventuelle Minderwertigkeitskomplexe verschwinden im Zugehörigkeitsgefühl

Mit Sicherheit treffen nicht alle 5 Faktoren für jedes Gruppenmitglied und jede Gruppenart zu. Deshalb ist es wichtig den Hintergrund eines „Fans“ [von nun an Synonym für Gruppenmitglied] oder einer „Fanschicht“ [Fans die bestimmte Identifikationsmuster teilen e.g. Hooligans im Fußball] zu ergründen. Gibt es in der Innen- oder Umwelt sichere Bindungen die von Wertschätzung, Konstanz und Toleranz geprägt sind? Dieser Bereich ist ziemlich heikel, denn zum einen wird die Antwort bei jedem Fan anders aussehen und zum anderen ist es schwer diese Informationen zu bekommen. Schlussendlich kann ich nur Nuancen und Prognosen zu den kognitiven Mustern feststellen/abgeben. Je allgemeiner diese sind, desto weiter muss meine Analyse gestreckt werden. Nichts desto trotz ist eine Erkenntnisgewinnung auch von der Distanz möglich. Für eine Dekonstruktion und genaue Analyse bedarf es qualitativer Forschung (Interviews, Videoanalyse, Textanalyse etc. pp.). Ohne diese kann ich nur die Vermutung aufstellen, dass Leute deren Lebensmittelpunkt im Fandasein liegt keine bis wenige sichere Bindungen zu sich und/oder zu anderen Menschen haben. Die Vermutung läge dann nahe, dass die „Imagined Communities“ ein Ersatz für fehlende persönliche Bindungen darstellen. Wenn dies so wäre, dann könnte man darauf schließen, dass die Fans, welche sich am stärksten mit ihrer Gemeinschaft identifizieren die extremsten Reaktionen zeigen, wenn ihr Bild der „Ideal-Community“ ins Wanken gerät. Bei persönlichen Bindungen kann man sich bei einer Krise mit den anderen zusammensetzen und eine empathische Verbindung untereinander aufbauen. Bei „Imagined Communities“ ist dies erschwert. Das Problem ist, dass das Bild von der Gruppe nicht in einem allseitigen Austausch entstanden ist. So kann e.g. ein VIP unmöglich jeden einzelnen Fan kennen. Schlussendlich kann eine solch lose Bindung schnell zu einer Hierarchie führen, welche eine kritische Auseinandersetzung mit dem Idol und sich selbst erschweren. Meistens wird das Idol idealisiert und verteidigt – sowohl mit verbaler als auch mit körperlicher Gewalt. Das Selbstbild ist dabei meistens von weniger Wert als das vom Idol. Wenn nun die fiktive mit der realen Welt kollidiert kann es zu Ängsten (Phobien) und der Konstruktion von Feindbildern kommen. Das Risiko einer Psychose ist erhöht. Es sollte also nicht überraschend sein, wenn man solche Nachrichten liest:

[Bundesamt für Politische Bildung über Fußball und Rassismus]

 „Fußball und Gewalt sind in vielen Stadien eine untrennbare Einheit. Das haben nicht erst die gewaltsamen Ereignisse in Leipzig Anfang Februar 2007 gezeigt. Und immer öfter sind die Täter rechtsextrem motiviert, wie Ende November 2006 in Paris: Ein wütender Mob machte Jagd auf einen jüdischen Fan und einen Zivilpolizisten nordafrikanischer Herkunft. Unter Rufen wie "dreckiger Nigger" und "Drecksjude" griff der Mob die beiden an. Der Polizist zog die Dienstwaffe und schoss, ein Angreifer starb, ein weiterer wurde schwer verletzt. Auch in Deutschland schallen rassistische Parolen und Anfeindungen durch die Stadien. Gezielt rekrutieren Neonazis hier Wähler und Nachwuchs. Mehr und mehr macht der Rassismus beim Fußball den Clubs zu schaffen – und das Spiel für manchen Spieler unerträglich.“


Interessant an diesem Artikel und anderen zum Thema [e.g. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,409048,00.html] ist die Art und Weise wie beispielsweise Rassismus/Frauenfeindlichkeit/Homophobie etc. in den Medien dargestellt werden. Es klingt nach Einzelerscheinungen welche von einer Gruppe von Extremisten ausgehen. Ich glaube jedoch, dass die Neonazis nur die Spitze des Eisberges in der Dynamik miteinander konkurrierender "Imagined Communities" sind. Der Fan-Kult ist zur Machtmaschine geworden, in welchem das Ziel nur selten die „Kunst“ an sich ist. Systematisch wird aus der Identifikation der Leute außerdem finanzieller Profit gemacht - vor allem im Fußball. Jeder größere Verein hat mittlerweile eine eigene Marketingabteilung welche Fanartikel und Werbung für den Verein organisiert. Mit Liebe zum Sport hat dies nicht mehr viel zu tun. Im Profisport geht es um viel Geld. Spieler werden nach Marktwert für Millionen verkauft und gekauft. Scouts reisen um die Welt um neue Talente zu finden. Ich will damit nicht unterstellen, dass es ein  Sklavenhandel ist (die Spieler entscheiden u.a. mit bei welchem Verein sie spielen wollen). Nichtsdestotrotz handelt es sich um postkoloniale Strukturen, in welchen mit Menschen wie mit Waren umgegangen wird. Kein Wunder, dass dies ein idealer Nährboden für Leute mit faschistischen Gedankenmustern ist.

Selbst die Nationalmannschaften wie der DFB oder Olympia haben eine nationalistische Struktur. So gibt es Länderspiele wo eine Nation gegen die andere spielt. Im Mittelpunkt steht meines Erachtens wieder nicht der Sport. Es geht nur selten darum, dass die besser spielende Mannschaft/Athlet gewinnt. Vielmehr wird das kollektive Besiegen einer anderen Nation forciert (WM/Olympia Medaillenspiegel etc.). Allein die Sprache e.g. beim Fußball macht dies deutlich: der Begriff "Kader" bezeichnete ursprünglich eine besondere Gruppe militärischer Vorgesetzter, die "Flanken" haben ursprünglich die Seiten einer nach Tiefe gegliederten Militäreinheit bezeichnet und auch das allseits bekannte "Schießen" kennt man eigentlich von Waffen. Man muss nur eine Fußballzeitung aufschlagen und schon hat man massenhaft Abstraktionen die man eigentlich aus der militärischen Kriegsführung kennt.

Dass heißt nicht, dass Fußball nicht auch einen positiven Einfluss auf das Image beim "Anderen" haben kann. So wird vielfach gelobt wie gut sich Deutschland während der WM2006 als Gastgeberland verhalten hätte:

[de.fifa.com]
„In aller Welt zeigte man sich positiv überrascht, mit welcher Hingabe Deutschland die Weltmeisterschaft feierte. Vor allem die Tatsache, dass auch exotische [besondes fremde] Teams würdig empfangen und bejubelt wurden“

Es wurde sogar geschrieben, dass viele die zuvor Deutschland mit Hitler und dem Dritten Reich in Verbindung brachten durch die WM zum Umdenken kamen. Ich frage mich dabei wie das Bild von den anderen durch ein Ereignis so eklatant umgepolt werden konnte (falls dies überhaupt passiert ist). Schlussendlich ist jede Nation eine „Imagined Community“. Für mich ist es eher besorgniserregend wie beeinflussbar die Meinungsbildung sein müsste, wenn ein kurzes Sportevent das „historische Gedächtnis“ ausradieren könnte.

Mein Gefühl sagt mir, dass wir zunehmend unser Langzeitgedächtnis verlieren. Der technische Fortschritt macht es möglich in nahezu allen Bereichen des Lebens Gedächtnis- und Körperstützen für unseren Alltag zu haben. Hochqualifizierte Leute aus der Soziologie und Psychologie forschen daran wie sie uns das Image von ihren Produkten schmackhaft machen können. „Der/Die Konsument_in ist König_in“.
In den letzten Jahren hat sich das Marketing ein unglaubliches „Know How“ über die Vermarktung der eigenen Produkte und die Psyche der Kund_innen erlangt. Das gibt ihnen unglaublich viel Macht. Produkte und Werbung werden für den Kunden zugeschneidert. Dabei spielt die eigene Ideologie nur marginal eine Rolle. Solange es einen Absatzmarkt für ein Produkt gibt wird es geworben und gehandelt. Das Problem dabei ist, dass eine Marke, wenn sie einmal groß geworden ist eine Pfadabhängigkeit entwickelt. So kann ein Autobauer nicht einfach zum Brotbäcker werden. Deshalb muss die Marktposition verteidigt werden. Auch wenn der Absatzmarkt sinkt. Durch die viele Erfahrung und das kognitive und gesellschaftliche Wissen kann die Werbung durch Populismus einen „künstlichen Markt“ erzeugen. Eine Blase, welche jedoch früher oder später platzt. Nämlich in dem Moment, in welchem der Konsument aus der Werbematrix erwacht. Das ist die größte Sorge der Firmen, deshalb wird die Matrix auch mit allen Mitteln aufrecht gehalten. So verhinderte u.a. die Öl-Lobby das Elektroauto und die Plastik-Lobby die Studien zur Gesundheitsgefährdung der Plastik-Inhaltsstoffe etc. pp.

Auf vielen Ebenen gibt es also Marken welche auch zur „imagined Community“ werden. Expert_innen versuchen die Kunden zu manipulieren und in diese ihre Bilder zu Pflanzen. Es werden Bedürfnisse angesprochen denen sich viele Menschen gar nicht bewusst sind. Die Leute sind unterschiedlich anfällig für diese Manipulationen. Schlussendlich bedarf es immer der aktiven Beteiligung von beiden Seiten für eine Manipulation. Ich vermute, dass genau jene Menschen manipulationsanfällig sind, die auch zu der Gruppe der Suchtgefährdeten gehören. Dazu gibt es bereits viele Forschungen. Viele von ihnen beziehen sich auf die Bindungsform eines Menschens zu seiner Um- und Innenwelt. Je stärker und sicherer die "privaten" sozialen Bindungen desto resistenter ist man gegen Süchte. In der Abstraktion also gegen Manipulation und "Imagined Communities". Hat man diese Sicherheit nicht, dann begibt man sich schnell in unbefriedigende Konsum./Verhaltensmuster. Die dadurch entstehende Frustration führt schnell zur Suche nach einem Sündenbock. Irgendjemand muss für die eigene Emotion verantwortlich sein. Leider ist es nur selten wie im Krimi wo am Ende eine Person schuldig ist und die Tat gesteht. Die meisten Probleme sind systemisch und psychologisch begründet. Zumindest ist das mein vorläufiges Fazit. Ein guter Anfang ist es über sich und die anderen nachzudenken und mit der Veränderung bei sich selbst anzufangen. Fantasy aller "Imagined Communities" kann eine tolle Sache sein, wenn sie jedoch die Realitätswahrnehmung so sehr verzerrt, dass Aggressionen auf andere übertragen werden, dann wird sie gefährlich und erzeugt ein leicht zu instrumentalisierendes Volk. Wozu dies in der Vergangenheit geführt hat ist kein Geheimnis...

Freitag, 28. Januar 2011

Der Verwandtschaftsdiskurs und ihre Verwandtschaft zu anderen Diskursen

In den letzten Jahren hat sich durch zahlreiche technische Innovationen wie der künstlichen Befruchtung und dem Zusammenwachsen der gesamten Weltgemeinschaft ein Definitions-Dilemma entwickelt. Die neue Kommunikationstechnik wie das Internet hat den Raum geschaffen normative Diskurse unglaublichen Gruppengrößen und Meinungsverschiedenheiten zu hinterfragen und „neu“ zu denken. Die alten Machtstrukturen wurden dadurch aufgeweicht und unterwandert. Viele KritikerInnen konnten sich vereinigen und die Hegemonie in vielen Diskursen aufdröseln. Dabei gibt es scheinbar eine direkte Verbindung zwischen den Diskursen untereinander.

Dementsprechend sind die historischen Muster der hegemonialen Diskurse sich sehr ähnlich. So ist beispielsweise die klassische Rollenverteilung von Mann und Frau untrennbar mit der Vorstellung der klassischen Familie mit Ehemann und Ehefrau verbunden. Verändert man eine, so ändert sich automatisch die andere. Systemisch gesehen bilden sie ein enges Netz von ineinander verwobenen Schemata. Das Ziel von vielen Diskus-Analysen ist die Dekonstruktion dieser statischen Gebilde. Grundlage dafür ist meist die Annahme dass der Mensch und die Gesellschaft dynamische Wesen sind und durch feste Gebilde wie Normen in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.

Betrachtet man nun die von David M. Schneider in den Diskurs gebrachte „moderne“ Definition von Verwandtschaft über Natur- und Kultur-Code und führt diese Betrachtungsweise weiter, dann erkennt man, dass sich dadurch automatisch der dominante Fokus vom biologischen Aspekt löst. Der hegemoniale Verwandtschaftsbegriff schien beinahe zeitlos und unveränderlich zu sein. Wollte man zuvor über diesen diskutieren, musste man unter „Experten“ auf der beschränkten biologischen Ebene Argumente finden. Dabei spielte und spielt sicherlich auch die Religion eine Rolle. Schnell war man bei Fragen nach Gott und dem Natürlichen. Fing man an einen Diskurs zu hinterfragen, kam man automatisch zum nächsten. Das Netz der Normen war ziemlich dicht und lag wie eine stramm gezogene Decke über einem. Viele Anti-Bewegungen in den Diskursen waren und sind teilweise immer noch die Folge. Anti-Kapitalismus, Anti-Faschismus und auch der Opferfeminismus. Mir kommt die Vorstellung der stramm gezogenen Decke wieder in den Sinn. Die Anti-Bewegungen haben es zwar geschafft sich aus dieser zu befreien, doch sie sind damit auch automatisch außerhalb der Decke. Das Dekonstruieren ist jedoch unglaublich schwierig, wenn man von außen ansetzt und Nebenströmungen aufmacht. Die Selbstdefinition ist von dem anderen abhängig und dadurch schnell blind für eigene Trugschlüsse bei der Dekonstruktion. So kann es wie beim Krieg gegen den Terrorismus oder der RAF zu ungewollten Nebenwirkungen kommen.

Umso hilfreicher empfand ich dafür die Einbeziehung von Kultur in den Verwandtschaftsdiskurs. So erhielt dieser zumindest einen dualen Charakter. Mittlerweile ist jedoch selbst dieser wie die Vorstellung von Zweigeschlechtigkeit nicht mehr so eindeutig – Verwandtschaft ist zu einer „hybriden Repräsentation“ geworden, in welcher die Übergänge zwischen Natur und Kultur fließend geworden sind. So bezeichnen sich heutzutage Menschen als miteinander verwandt, die nur einen ähnlichen genetischen Defekt haben („Bio-social related“). Es kommt sogar zur als natürlich angesehenen Seelenverwandtschaft. Auch die Adoption wird immer mehr naturalisiert. Dies vor allem durch den Blick ins Tierreich, in welchem viele Spezien wie bzw. Schimpansen, Schweinen und Katzen ähnliche Verhaltensweisen zeigen. Schlussendlich kann man sich fragen, ob nicht alles vom Menschen konstruierte selbst natürlich ist. Ist der Mensch nicht selbst ein Teil der Natur?

Durch den immer schwächer werdenden Kontrast in den Kategorisierungen kommt es zunehmend zum Entstehen von Begriffen wie „Gender“ und „Relatedness“. Die Diskurse werden zu Dachkonstruktionen und bieten Raum zum Vermischen. Moderne Kategorisierungen müssen sich neue Auffälligkeiten suchen. Die dadurch entstehenden Schablonen werden relativ komplex und es erfordert genaue Analysen, um aussagekräftige Cluster zu finden. Ich vermute, dass keine Schablone jemals von Raum und Zeit losgelöste Gruppen ausmachen kann. Alle Konstruktionen sind demnach relativ. Die Umwelt ändert sich andauernd. Man kann nur nach „Momentaufnahmen“ und „Verhaltensmustern“ suchen. Das Zeitalter der einfachen Klarheit scheint damit vorbei zu sein. Wir müssen uns wohl mit den Komplexitäten in all ihrer unendlich wirkenden Vielfalt auseinander setzten.

Dabei dürfen wir jedoch nicht in einer Utopie-Starre verharren. Denn nur weil sich die Diskurse öffnen heißt es noch lange nicht, dass alte Konstruktonsmuster plötzlich verschwunden sind. Viel mehr verlagern sie sich wie beim Rassismus von natürlichen Definitionen zu kulturellen und „vice versa“. Die Dekonstruktion ist jedoch eingeschlagen und wohl kaum zu stoppen solange es kritische Köpfe unter uns gibt. Keine Statik kann in einem dynamischen Umfeld zeitlos unverändert überstehen. Selbst Sandkörner dekonstruieren die festesten Steine. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Menge an Sand.

Dienstag, 25. Januar 2011

Aus der Dunkelheit


Es ist dunkel. Um mich herum ist kaum ein Laut zu hören. Meine Ohren und Augen versuchen jeden kleinsten Unterschied in meiner Umgebung wahrzunehmen. Wie gebannt warten sie voller Spannung auf Eindrücke, um Rückschlüsse auf mein Umfeld zu schließen. Die Dunkelheit und Stille drückt schwer auf meine Lungen. Ich verspüre ein Druckgefühl um meinen Kopf. Ich fasse nach oben. Ein Band ist um Stirn und Hinterkopf gebunden. Langsam taste ich mich einmal um meinen Kopf. Direkt vor meiner Stirn ist etwas festes, ein Knubbel. Er sticht wie meine Nase aus meinem Gesicht heraus. Er ist fest, ich fühle mich um das Material. Eine ovale Rundung hebt sich aus der ansonsten ebenen Fläche heraus. Ich übe etwas Druck auf diese aus. Es klickt. Ein Schmerz reißt mich aus der Ruhe, meine Augen brennen. Mein eingeengter Kopf fängt an zu pochen, mein Herz schlägt schneller. Ein Nebel wischt durch die Dunkelheit und zerrt an meinen Nerven. Zitternd taste ich nach dem Knopf und hole mir die Dunkelheit zurück. Der Nebel verschwindet, doch helle Flecken durchstechen das Schwarz um mich. Irgendwas muss  sich in meine Netzhaut geätzt haben. Mit jeder Bewegung meiner Augen wandern die Flecken mit. Minuten vergehen. Die Ellipsen und kreisähnlichen Objekte verschwinden. Die wohlige Klarheit der Konturlosigkeit  strömt durch meinen Körper. Ich könnte noch Stunden so verharren. In mein Gehirn haben sich jedoch die Nebelfäden eingebrannt und ich will herausfinden was diese auf sich haben. Gelassener, aber voller Spannung bewege ich meinen Zeigefinger wieder auf den weichen Knopf meiner „oberen Nase“. Wieder ein Klick. Nochmal beginnen meine Augen zu brennen, diesmal habe ich jedoch damit gerechnet. Ich kneife sie zusammen. Die Nebel werden zu Wolken und bilden ein Gegenbild meiner Dunkelheit ab. So warte ich eine Weile, bis sich diese etwas beruhigt haben. Das was ich nun sah hatte ich nicht erwartet. Zu der Hell-Dunkel-Erfahrung kam nun eine unfassbare Varianz an anderen Kontrasten – Farbe schmierte sich auf meine Linse. Zudem klappte sich der Raum vor mir aus. Aus der Fläche die ich gesehen hatte, wurde nun ein tatsächlicher Raum. Mit jeder Kopfbewegung änderte sich die Szenerie. Das zuvor gesehene begann zu verschwinden und neues drang dafür ins Blickfeld. Die alten Eindrücke waren jedoch nicht verloren. Sobald ich mich versuchte an sie zu erinnern, schoss ein mehr oder minder scharfes Bild in meine Wahrnehmung. Es war so als hätte es einen bleibenden Eindruck auf meiner Innenwelt hinterlassen. Schon bald konnte ich Bilder miteinander mischen, Farben kombinieren und Konturen erweichen oder erhärten. Ich fing an die Objekte anzufassen, zu beschnuppern und zu schmecken. Nachdem ich einige Meter gelaufen war erweiterte sich meine Dimension erneut, ich hörte ein Rauschen und Knistern. Nach wenigen Minuten war ich erschöpft und lief zu meinem Ausgangspunkt zurück und knipste das Licht wieder aus. Es kehrte jedoch keine Ruhe ein, Gedankenblitze funkkten in meinen Gedankenstrom. Ich begann meine Erlebnisse nochmal zu erleben. Dabei bewegte ich meinen Körper beinahe so mit, als wären sie Realität.

Die nächsten Tage begann ich meine Umwelt weiter zu erkunden. Ich lief nicht immer wieder bis zu meinem Ausgangspunkt zurück. Zu fasziniert war ich von dem was ich sah. Manchmal verbrachte ich so viel Zeit  mit einem neuen Objekt, dass ich mich und den Rest meiner Erlebnisse ganz vergaß. Wie Gollum mit seinem „Precious“ bannte mich die Schönheit, die ich vorfand. Je länger ich an einem Objekt blieb, desto stärker fokussierte sich der Leuchtkegel auf dieses Unikum. Die Dunkelheit um uns begann uns zusammen zu schweißen. Ich fing an im Wir zu denken. Wir und die anderen. Der Kontrast verstärkte sich zunehmend. Alles andere verlor an Wert. Ich weiß nicht mehr an welchem Punkt ich erkannte, dass dies nicht ewig so weiter gehen konnte. Aber dieser kam und ich zog schweren Herzens weiter.

Mit der Zeit lernte ich, dass ich wie ein Zoomobjektiv funktionieren konnte. Ich näherte mich andern Objekten, untersuchte sie und guckte dann wieder von der Ferne. Ich schaffte es sogar eine zusätzliche Dimension einzuführen. Ich verband und abstrahierte meine Erfahrungen mit denen aus der Vergangenheit. Ich kreierte sogar neue noch nie erlebte Szenerien. Dies war der Moment an welchem ich zu träumen anfing. Ich begann mir die Zukunft vorzustellen und rekonstruierte die Vergangenheit. Meine Welt gewann an Komplexität. Sie wurde reicher, aber auch schwieriger zu verarbeiten. Zum Glück wuchsen meine Fähigkeiten mit den wachsenden Aufgaben. Es kam jedoch auch immer wieder zu Wachstumsstörungen. So verlief meine Entwicklung selten linear. Vielmehr war es wie das Tanzen von Salsa. Ein paar Schritte nach vorne, ein paar zur Seite und ein paar zurück. Solange ich den Rhythmus einhielt schien alles wie in einem Fluss zu funktionieren. Ich flog regelrecht durch mein Leben. Umso schwieriger wurde es den Tanz für eine Verschnaufpause zu unterbrechen. Ich wurde zum Gollum der großen Welt. Zwar verlor ich mich nicht in diesem Wachstum, doch schien ich mit nichts wirklich gesättigt und zufrieden zu sein. Ich wusste auch, dass es ein unendliches Streben sein würde. Denn man konnte immer weiter ran und weg zoomen. Selbst die Linsen waren austauschbar. Und alle Objekte in einem dauerhaften Wandel. So war es wesentlich hilfreicher Verhaltensmuster under Veränderungen zu analysieren als den Ist-Zustand zu beschreiben. Denn dies war schnell in die Vergangenheit gerichtet und auch nur ein "Snapshot" des ganzen Wesens eines Objektes. Was mich am meisten beeindruckte war, dass alle Dinge, welche ich fand mit allen andern zusammenwirken. So konnte ich von einem Objekt Prognosen für die Veränderung anderer erstellen. Ich wurde zum Wissenschaftler.

Ich war tief beeindruckt über die Dynamik und Interaktion meiner Umwelt. Alles schien auch mit mir verbunden zu sein. So fühlte ich mich nie allein. Ich begann auch Dinge zu lieben, welchen ich zuvor keine Beachtung geschenkt hatte. Ich verschmolz und entschmolz mit meiner Umwelt. Trotz dieser universalen Verbundenheit waren die Bindungen unterschiedlicher wie sie nicht sein konnten. Manche Organismen lebten in regelrechter Symbiose – in direkter Beziehung – zueinander. Andere indirekt in nahezu unendlich langen Abhängigkeitsketten. Für meine Vorstellung waren diese unmöglich zu erfassen. Deshalb nannte ich dies göttliche Kraft. Jetzt war ich ein Geistlicher.

Das lustige dabei war, dass jedes Organismus für sich das Zentrum des Universums bildet – und das ist auch gut so. Denn zum Streben und Interagieren braucht man immer auch einen Standpunkt. Man kann sich bewegen und seine Hülle verlassen. Doch schlussendlich wird man immer wieder in diese zurück gezogen. Besonders spannend finde ich in dieser Hinsicht meine eigene  Spezies. Wenige von ihnen scheinen wirklich in sich zu ruhen. Wir sind überall, aber nicht im jetzt und hier. Dafür haben wir ein unglaubliches Spektrum an Facetten und Komplexitäten scheinbar jenseits der Natur entwickelt. Wir nennen es Kultur und es ist tatsächlich nur schwer greifbar. Geht man jedoch davon aus, dass Gedanken auch nur kleine Organismen sind, dann ist selbst dies noch Teil der Natur. Auch was wir kulturell erschaffen ist natürlich Natur. Dementsprechend zerstören wir auch nichts wirklich, wir formen es nur um und verringern somit vorwiegend die Vielfältigkeit und Balance unserer Umwelt. Wir müssen uns jedoch keine berechtigten Sorgen um unsere Welt und unser Universum machen. Schlussendlich kann man diese nicht zerstören. Zeitlich sind wir so marginal ein Teil von ihnen, dass unser Einfluss nahezu vernachlässigbar ist. Wollen wir jedoch, dass wir einen größeren Zeitraum in der Geschichte einnehmen, dann müssen wir nicht die Umwelt retten, sondern uns. Ich glaube das würde eine wirkliche Herausforderung sein und ich bin mir sicher, dass es möglich ist. Der Mensch ist ein wunderbares Geschöpf von komplexer Vielfältigkeit und Schönheit und hat alle Mittel dies zu schaffen in sich selbst.

Der Schlüssel dazu ist die künstlich geschaffene Statik aus dem eigenen Leben zu nehmen. Wir sind viel zu komplex und dynamisch, dass wir mit festen Regeln unreflektiert mit unserer Umwelt in Harmonie zusammen leben können. Wir werden blind für die Schönheit des "einfachen". Wir streben nach abstrakten Wünschen, welche teilweise noch nicht mal in uns selbst gewachsen sind. Das Glück suchen wir in der Umwelt - in Statussymbolen, künstlichen Idolen und "alten" Wertvorstellungen. Das ist auch nicht unbedingt verkehrt. Das Problem ist, dass dies alles nur einen kurzfristigen Wert hat, wenn man sich nicht mit sich selbst und dem Objekt intensiv auseinandersetzt. Was bringen einen beispielsweise die tollsten Möbel, wenn man keinen Platz hat diese unterzustellen. Wir greifen nach Dingen und sehen im gleichen Moment weitere. Meistens wird dann das alte achtlos weggeworfen und das neue geholt. Dieser Kreislauf zeigt sich ziemlich gut in beinahe jedem Bereich unseres Konsums. Hier kann man super ansetzten. Je kritischer und reflektierender man konsumiert, desto mehr Wert gewinnt das was man konsumiert. Es ist sicherlich nicht einfach einen kritischen Zugang dazu zu finden, denn Konsum ist komplex und man kann nie alles über ein Produkt wissen. Doch ist es nicht trotzdem einen Versuch wert? Schlussendlich sollte man sich bewusst machen, dass ein solcher Konsum automatisch zu einem geringeren führt. Also selbst wenn ein Produkt wie beispielsweise bio „Fairtrade“ und/oder „Bio“ -Produkt mehr kostet, kann man schlussendlich Geld und auch Ressourcen durch den Kauf langfristig sparen. In unserem System wo Geld so viel Wichtigkeit hat ist dies eine unglaubliche Chance die Hebelverhältnisse der Macht zu ändern. Die Lösung ist nicht mehr Wachstum und mehr Konsum sondern weniger „materieller“ Wachstum und weniger - dafür durchdachter Konsum. Ein solche Nachhaltigkeit schärft unseren Weitblick und wir sind nicht mehr wie manch ein Pferd mit Scheuklappen unterwegs. Wir sollten unsere Augen nicht von der Angst vor Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen und fremden Kulturen einschränken lassen, sondern mit ruhigem Blick analysieren und dynamische Muster der „Statik“ und „Normativität“ dekonstruieren. Der Mensch ist in der Lage frei im Einklang mit der Umwelt zu leben. Anstelle von Affektivhandlungen ist es dafür nötig den eigenen Kompass zu benutzen. Ansonsten kann es einem im Leben schnell so gehen, wie beim blinden Gefolge eines Navis. Man weiß nicht wo man ist, man hat verlernt selbst zu navigieren und das Gerät sagt beispielsweise mitten auf der Autobahn „Bitte wenden“ oder auf dem Feldweg „Jetzt rechts abbiegen“. Ich glaube es ist es nicht wert diesen Empfehlungen nachzugehen oder? Vielleicht ist es besser das Navi nur in Notsituationen zu gebrauchen, wenn die eigene Orientierung gerade mal nicht funktioniert.


Aus der Dunkelheit in die Dämmerung - Schritt für Schritt. Meiner Meinung nach ist es Zeit für die Emanzipation aus den selbstgeschaffenen Abhängigkeiten.

Sonntag, 23. Januar 2011

Das Spiel der Strahlen


Wenn sich Zeit und Raum miteinander mischen kommt es unausweichlich zu Interferenzen und Kollisionen. Mehrere Strahlen ziehen sich gegenseitig an – überlagern sich - und bündeln sich zu einem Strahl, welcher additiv an Energie gewinnt. Wie ein Laserstrahl potenzieren sie sich und setzen scheinbar alle Naturgesetze außer Kraft. Was für einen Strahl unmöglich wäre wird für die überlagerten möglich. Zeit und Raum verlieren automatisch an Bedeutung. Wie nennt man das, wenn dies zwischen Menschen passiert? „Seelenverwandtschaft“? Ist es ein „spirituelles Erlebnis“, eine göttliche Kraft oder ist es einfach nur sehr schwer zu erklären? Hat man wirklich Naturgesetze außer Kraft gesetzt oder sind die Naturgesetze einfach nur lückenhaft? Kann eine Theorie jemals die Wirklichkeit ganzheitlich erfassen oder erfordert eine neue Theorie immer wieder eine weitere um die Ausnahmen zu erklären? Ist die Wissenschaft eine unendliche? Und viel mehr: wie zuverlässig ist sie? Kann man sich auf Theorien verlassen oder ist es manchmal besser einfach der eigenen Logik und dem Bauchgefühl zu folgen? Vielleicht sind dieses Instrumente wesentlich präziser und flexibler...
In einem bin ich mir sicher. Diese Momente sind wertvoll und bringen Farbe, Geruch und Geschmack in mein Leben. Sie machen es vielfältiger und einzigartiger. Es ist so als würde man mit einer anderen Person vor einem Tischspiegel sitzen. Gemeinsam schiebt man den Spiegel von sich zu der anderen Person und wieder zurück. Man erkennt, dass man ein sehr ähnliches Spiegelbild hat. Das kann Angst bereiten und befremden. Vor allem wenn man sich nicht gerne selbst im Spiegel sieht. In diesem Fall sieht man auch nicht gerne den anderen. Kann man jedoch damit umgehen und hat keine Angst davor sich buchstäblich vor diesem auszuziehen, dann beginnt die Verschmelzung. Die Wunden von beiden werden sichtbar. Details stechen aus dem Spiegelbild heraus. Es kommt zur Überschichtung der beiden Spiegelbilder, man wird zum Wir, man wird zum Du, man kommt zurück zum Ich. Schnell verliert man die Kontrolle über Zeit und Raum. An diesem Punkt wird die Verbindung kritisch und unstabil. Wie bei einer Sucht kann es passieren, dass sich einer der beiden verliert. Ist dies der Fall – ist die Magie schnell vorüber. Wenn nicht, dann kann die Verschmelzung jedoch auch wie ein Orgasmus immer weiter nach hinten verschoben werden. Hält man die Spannung, dann entsteht eine unglaubliche Tiefe und Verbundenheit. Frei nach dem Motto: der Weg ist das Ziel. Dementsprechend stabilisiert sich der Laser und der Brennpunkt verliert sich in der Unendlichkeit. Die Strahlen - nun mit dem gleichen Richtungssinn - werden parallel und driften freundschaftlich und mehr oder minder kontrolliert durch Raum und Zeit. Sie entkoppeln sich, nähern sich wieder an. Es entsteht eine  Anziehungskraft, welche beinahe ohne Energieaufwendung die Bindung zwischen den Strahlen hält. Mit der Zeit wird diese stabiler und beweglicher, immer mehr Stahlen kommen hinzu. Es entstehen unglaubliche Phänomene, welche in ihrer Schönheit kaum zu überbieten sind.Ich nenne sie Freundschaft und Liebe...

Freitag, 14. Januar 2011

Die Butter und der Metallstab


Kennen wir nicht alle den Ausspruch: „Es wäre ein guter Tag gewesen, wenn […] nicht […] gemacht hätte?“ Wer motzt nicht regelmäßig über Politik, Gesellschaft und Mitmenschen? Mir passiert das selbst ziemlich oft. Dabei gehe ich davon aus, dass Probleme gelöst werden können, wenn sich die Anderen ändern würden. Dabei werde ich aus Verzweiflung manchmal sogar zornig und zynisch. Ich konstruiere meine Feindbilder jeden Tag – meist unbewusst. Leider verändern sie meistens nicht den Anderen sonder mich. Es werden imaginäre Feine in meinem Kopf – mit einem Eigenleben. Sie sind nicht in der Lage mir Empathie zu entlocken. Sie zerfressen mich. In den dunkelsten Stunden beginne ich dann, an der Menschheit zu zweifeln. Ich frage mich warum jede Sekunde ein Kind an Hunger sterben muss, warum allein in Deutschland jährlich 8x mehr Tiere getötet werden als es Deutsche gibt oder warum fast 90% des Reichtums auf nur 10% der Weltbevölkerung verteilt ist. Der Schluss liegt nahe eine Verschwörung und eine Absprache dahinter zu vermuten. Die bösen Anderen sind dafür verantwortlich… Doch was bringt das? Selbst wenn es wahr sein sollte? Schlussendlich bin ich nur wütend und könnte eh mit keinem vermeidlich Verantwortlichen 'produktiv' ohne Schuldzuweisung reden. Vielleicht ist der/die Reiche auch nur von Geld wie ein Alkoholiker vom Hochprozentigen abhängig? Von der etwaigen Fleischsucht und der Sucht der Gewohnheit gar nicht zu sprechen… Ich will hier keine Stereotypen aufbauen, dafür sind die Thematiken zu komplex. Ich will nur für mich feststellen, dass die Veränderung nicht im Bösen des Anderen zu finden ist. Man kann nur die Lupe auf sich selbst lenken und sich fragen ob man mit seinem Leben zufrieden ist. Auch hier kann keine Veränderung erzwungen werden. Mit Selbstverboten wie bei unzähligen Diäten und Raucherentwöhnungen ist es schwer irgendwas zu ändern, selbst wenn man es noch so doll will. Die Frage sollte also nicht sein: „was will ich nicht“ sondern „was will ich“. Denn Veränderung ist eigentlich eine natürliche Sache, welche ohne große Kraftanstrengung gelingen sollte. Wenn man also beispielsweise auf Fleisch verzichten will, ist es notwendig andere Produkte zu finden die man mindestens genauso gerne isst. Das gleiche gillt für Produkte mit ausbeuterischem Produktionshintergrund. Trotzdem ist der Blick nach außen natürlich auch wichtig, doch der macht nur Sinn, wenn man Mechanismen in ihrer ganzen Vielseitigkeit versucht zu verstehen. Solange man sich nicht ansatzweise ins ganze Spektrum des Anderen hineinversetzen kann, wird man nur schwer Veränderung bei dem/der Anderen bewirken können. Es ist ähnlich wie mit der hartgefrorenen Butter und einem Metallstab. Erst durch Empathie fängt der Stab an sich zu erwärmen und kann sich in die Butter schmelzen. Ein kalter Stab prallt hingegen entweder ab oder hinterlässt oberflächliche Dellen – sowohl in der Butter, als auch im Stab.

Dienstag, 11. Januar 2011

Devi Devika's Streben nach Weisheit

Schon so lange sie denken kann hatte Devi davon geträumt einmal alles zu wissen, was es zu wissen gibt. So gab es kaum einen Tag an dem sie nicht unentwegt dabei war ihre Umwelt zu erforschen. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen keine Sache zweimal zu machen, denn trotz ihres noch jungen Alters war ihr bewusst, dass sie ansonsten niemals alles kennen lernen würde. Diese Einstellung machte es ihr schwer Freundschaften zu führen. Die Nachbarskinder wollten ihrer Ansicht nach zu oft die gleichen Spiele spielen. Diese Eintönigkeit frustrierte und langweilte sie. Wesentlich interessanter und besser zum Lernen empfand sie die Erwachsenen, welcher auch viel mehr ihre Sprache zu sprechen schienden. Sie waren voll mit Wissen. Es schmeichelte ihr zudem, dass sie so beeindruckt von ihrem jungen Intellekt waren. Allena, ihre Mutter machte sich über diese Entwicklung ihrer Tochter Sorgen. In zahlreichen Versuchen gelang es ihr nicht ihre Tochter wieder in den Kontakt mit gleichaltrigen zu bringen. Devi wehrte sich zunehmend  wütend gegen diese Interventionen ihrer Mutter. Sie schoss sich in ihr Zimmer ein und fing an zu lesen. Früher als ihre Altersgenossen hatte sie sich selbst mit der Hilfe ihres Vaters Alvin das Lesen beigebracht. Von da an hatte ihr Bücherkonsum beinahe täglich zugenommen. Mittlerweile hing zu jeder freien Stunde ein Zettel vor ihrer Tür, welcher das Eintreten ohne Erlaubnis versagte. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt fing auch Alvin an sich um seine Tochter zu sorgen. Er schaffte es zwar auch nicht Devi wieder zum Spielen mit anderen Kindern anzuregen, doch sie erklärte sich zumindest bereit mit der Familie in den Urlaub zu fahren und dabei die Bücher zuhause zu lassen. Die anstehende Campingreise sollte das Leben von Devi stärker verändern, als es ihr zu diesem Zeitpunkt bewusst war.

An dem Tag der Abfahrt hatte Devi alle Details über das Urlaubsgebiet und die Campingausrüstung aus ihren Eltern raus gesaugt. Aufgrund der Sprachlosigkeit der beiden erlaubten sie Devi das Mitnehmen eines Notfallbuchs, da es sich um einen Campingratgeber handelte. Aufgeregt saß Devi auf dem Rücksitz des Vans der Devikas und unterhielt sich mit ihrer fahrenden Mutter über gefährliche Tiere und giftige Pflanzen. Ihr Papa schrumpfte zunehmend in seinem Sitz zusammen. Er hatte zwar normalerweise keine Angst vor Tieren und Pflanzen, doch die Todesstatistiken und genauen Beschreibungen der Qualen, welche die Wildnis-Opfer ertragen mussten schlugen ihm aufs Gemüt. Durch das frühe Aufbrechen hatte er zudem nur ein kleines Toast mit Marmelade gefrühstückt. Mit einer zittrigen Bewegung nach hinten legte er eine Hand auf Devis Knie und bat sie ein etwas lebensbejahenderes Thema zu wählen.  Seine Tochter hatte die Fähigkeit gewonnen ihre Geschichte so anschaulich zu erzählen, dass er sich gezwungen fühlte diese beinahe physisch mitzuerleben. Dies hatte aber auch seine positiven Seiten. Wenn er nachmittags von seiner Teilzeit-Arbeits-Stelle als Schulsozialarbeiter zurück kam und wirklich erschöpft war, dann gab es nicht besseres als eine ausgedachte Geschichte von Divi zu hören. Über die letzten Monate und Jahre war es zu einer regelrechten Tradition geworden. Anfangs war zwar er es noch, der Geschichten vorlas. Doch sobald sie des Lesens mächtig war, meckerte sie beinahe an jeder Stelle über  die Geschichten. So übernahm sie schließlich die Aufgabe. Alvin und Allena hatten so oder so ähnlich immer mehr Aufgaben ihrer Tochter überlassen. Sie dekorierte die Wohnung, beschloss welche Gäste zur Geburtstagsfeier von ihnen eingeladen wurden und kannte beinahe alle Details aus ihren Berufsalltagen. Das besorgte sie, denn sie wollten, dass ihre Tochter eine Kindheit erlebt, wie sie sie noch genossen hatten. In diese gehörte ihrer Meinung nach das unbedachte Spielen und Erfahren. Unbedacht machte Devi jedoch nichts. Deshalb gab sie die angenommenen Aufgaben auch nicht wieder ab. Man musste sie mit Argumenten überzeugen und das war schwer. War sie doch so unglaublich schlau. Mit dieser Reise wollten sie die bereits so festen Strukturen in dem Alltag ihrer Tochter aufweichen. Denn mit Worten konnten sie nicht beschreiben,  was sie glaubten, dass Devi verpasste. Für dieses Projekt bekam Allena sogar zwei Wochen bei ihren beiden Jobs frei. Sie arbeitete hauptberuflich als Biologie Dozentin und zusätzlich - um das Gehalt aufzustocken - als BibliothekarIn.

Das letzte Mal als sie mit Alvin zusammen verreist waren ist Devi gezeugt worden. Es war mit die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Über beinahe zwei Monate sind sie durch den Süden gereist. Sie hatten nicht einmal in einem Hotel geschlafen. Ein Doppelschlafsack mit Zelt, Kochutensilien und ein paar Klamotten waren fast alles was sie brauchten. Die Zeit, die Natur und wunderbare Gespräche haben sie so stark wie nie zuvor zusammengeschweißt. In den Abenden saßen sie oft noch lange – in Decken eingepackt – vor dem Zelt. Alvin hatte zwei lächerlich aussehende Kopflampen gekauft, welche sie Abend für Abend aufhatten. Sie spielten Karten, tranken Wein, aßen Brot,  Käse, Oliven… Rundum, sie ließen es sich richtig gut gehen. Bei dem Blick in den Nachthimmel und die ruhige Dunkelheit um sie philosophierten sie über das Leben und speziell ihre gemeinsame Zukunft. Alvins anfängliche Zweifel an einem gemeinsamen Kind verflogen zunehmend und in einer der darauf folgenden Nächte kam es wohl dazu, dass aus der Zweisamkeit eine Dreisamkeit geworden war…

Beinahe ein Jahrzehnt später fuhren sie nun zu dritt dahin zurück, wo die Dreisamkeit angefangen hatte. Bei dem Gedanken musste Alvin schmunzeln und warf einen Blick zu Allena rüber. In dem Moment des Augenkontakts wusste er, dass sie ähnlich fühlte. Devi war mittlerweile eingeschlafen. Obwohl Allena eigentlich dringend einen Gang auf die Toilette gebraucht hätte, hielt sie es aus. Es war ein zu seltener Anblick ihre Tochter am Tage schlafen zu sehen. Zum späten Nachmittag hin wachte Devi wieder auf. Das Auto fuhr nicht mehr. Es roch nach Gummi und Benzin. Richtig, sie waren an einer Tankstelle. Jetzt saß Papa am Steuer und Mama schmierte provisorisch Brote. Ein strenger Käsegeruch mischte sich zum Gummi-/Benzingeruch. Devi verging dabei zwar der Appetit, doch sie aß die schmierige Masse. Das war ihre Regel: alles was ich noch nicht kenne probiere ich aus… zumindest einmal… bei diesem Käse würde es dabei bleiben.

Wenig Zeit später waren sie an dem Campingplatz angekommen. Devi vermisste ihre Bücher und ihr Zimmer. Ein feuchter Holzgeruch unterbrach ihre Gedanken. Endlich konnte sie ausseigen und das Zelt aufbauen helfen. Darauf hatte sie sich schon den ganzen Tag gefreut. Bislang hatte sie nur ein paar Mal außerhalb ihres Bettes geschlafen und das auch nur in dem Bett ihrer Eltern. Das hier war aufregend! Der Aufbau gelang - dank ihrer Hilfe – schnell und auch das Abendessen war kurz später fertig. Es gab eine einfache Gemüse-Reis-Pfanne. Devi hätte zwar lieber etwas außergewöhnlicheres gehabt, doch die lange Autofahrt und der ungenießbare Tank-Käse hatten Hunger gemacht. Nach dem Essen entzündeten sie ein Lagerfeuer. Mama und Papa wurden sentimental und kuschelten. Aber irgendwie wars gemütlich. Ich kroch in Richtung meiner Mutter und sie zog mich an ihre Seite. Minuten, die sich wie Stunden anfühlten vergingen. Ich schaute nur gebannt ins Feuer. Die Flammen leckten am Holz und es wirkte als würde Stück für Stück das Holz schmelzen. Ich dachte darüber nach wie unterschiedlich die einzelnen Holzstücke doch schmelzen. Kann es sein, dass es auch mit dem Wissen so ist? Wie kann ich alles wissen, wenn allein ein Phänomen wie das Abbrennen von Holz so unterschiedlich ablaufen kann?

Montag, 10. Januar 2011

Aus der Parabiose zur Symbiose - meine "Blog-Katze" und ich


Nach langer Zeit der Pause ist die Uni heute wieder losgegangen. Noch weiß ich nicht wie dies meinen Blog beeinflussen wird. Ich werde auf jeden Fall weniger Zeit zum Schreiben haben. Was ich wirklich vermissen werde. Aber vielleicht ist die kurze Zeit dann so intensiv, dass ich es schaffe die Bedürfnisse meiner „Blogkatze“ zu befriedigen. Möglich ist es. Es ist jedoch eine Herausforderung. Denn bislang hat meine Katze nur in der gemeinsamen Parabiose existiert. Man könnte regelrecht sagen, dass wir zu einem „Wir“ zusammen geschmolzen sind. Schwierig zu sagen wo der eine aufhört und der andere anfängt. Ist das normal? Ist der Anfang einer innigen Bindung überhaupt anders möglich? Sind kreative Arbeiten nur in Schüben oder auch als „gleichförmiger“ Ausdruck möglich? In ein paar Wochen werde ich dies vermutlich besser beantworten können als heute. Obwohl meine bisherigen Blog-Katzen alle zu früh von uns gegangen sind, mache ich mir merkwürdigerweise bei diesem schönen Geschöpft  nur wenige Sorgen. Vielleicht weil ich mit Keiner Blog-Katze zuvor so viel erlebt habe. Wir haben eine ziemlich intensive Beziehungsphase hinter uns. Nichts desto trotz werde ich alles daran setzten, dass wir uns nicht entfremden. Zum Glück hat sie ja - je nach Sprachkreis - 7 oder 9 Leben. In Deutschland scheint die Version mit 7 gängiger zu sein. Auch die müssten eigentlich ausreichen, um noch viel Zeit zusammen verbringen zu können. Ob ich nun schizophren geworden bin? Ich glaube nicht, denn dies würde eine Abspaltung meiner Persönlichkeit bedeuten. Und soweit fühlt sich alles noch sehr ganz an. Es ist sogar eher das Gegenteil. Ich habe das Gefühl einen verschollenen Teil wiedergefunden zu haben. Dieser Teil gibt mir eine innerliche Ruhe und Geborgenheit, die ich bisher vermisst hatte und nur aus anderen Bereichen kannte und auch dort nur einmal wirklich dauerhaft. Ok, es gibt da noch all meine anderen Hobbies: Lesen, Musik hören, Filme gucken, Kochen, Freunde treffen etc. pp. Doch die habe ich schon ziemlich lange und sie sind größtenteil komplett anders. Es ist eher ein abschalten/entspannen/unterhalten, als ein Output geben. Gut, Freunde treffen und Kochen kann auch eine Ausdrucksform von Innen sein. Doch kann ich a) nicht unendlich lange Kochen, e.g. aus Gewichtsgründen, und b) nicht andauernd meine Freunde mit unreflektierten Gedanken- und Gefühlshäufchen zuschütten. Die Ladung, die ich momentan verteile reicht auch aus ^^ Ich habe das Gefühl, dass mir das Gespräch mit anderen Leuten auch mehr hilft, wenn ich mich schon mal zuvor alleine damit befasst habe. Außerdem bin ich sehr an ihrem Leben interessiert. Ich will nicht 90% der Freundschaft mit meinen Problemen besetzen. Ein Ausgeglichenes Verhältnis zwischen Geben und nehmen macht es mir auch einfacher ‚Hilfe‘ anzunehmen und ‚Hilfe‘ zu geben. Wie beim Backpacken reise ich gerne leicht und sortiert, um flexibel zu bleiben. Dafür muss ich vor der Reise schonmal alleine sortieren was ich mitnehmen möchte. 


Es ist jedoch nicht so, dass ich dies immer voll durchplanen kann und will. Manchmal müssen auch alle Regeln weichen und ich lasse mich von anderen auffangen. Insgesammt ist es momentan auch schön wieder mehr mit anderen Menschen zu tun zu haben. Die Zeit alleine half zwar mich zu ordnen, doch sie spaltete auch von dem Kontakt mit der Umwelt ab. Die meisten Inspirationen kamen daher durch ‚künstliche‘ Anregung. Durch Filme, Musik, Zitate, meine eigene Stimmung oder doch dem Kontakt zur Außenwelt ^^. Denn ganz ohne ihn habe ich nicht gelebt. Schlussendlich ist dieses Web-Log, um mal den ausfühlichen namen zu verwenden, doch nur eine künstlich geschaffene Welt. Nichts desto trotz hat sie viel mit meiner realen Welt zu tun. Nur wenn ich neue  Erfahrungen in der ‚Realität‘ sammle, dann kann ich ein lebendiger Teil beider Welten bleiben. Ich will es schaffen diese miteinander auszubalancieren. Ansonsten hätte ich mir mit meinem Web-Log nur eine eigene Höhle gegraben. Wie bei dem bereits in einem früheren Eintrag behandelten „Höhlengleichnis“ Platons wäre dies der Entschluss, zwar aus der Gefangenschaft der Schattenspiele auszubrechen, doch alle anderen Menschen in der anderen zurück zu lassen. Das Problem ist, dass es zum einen viel mühseliger - wenn nicht sogar unmöglich – ist den Weg alleine aus dem Höhlensystem zu finden. Zum anderen würde der Ausstieg auch automatisch Isolation bedeuten. Und aus Isolation entwächst Entfremdung, Angst und Einsamkeit. Ist da das gemeinsame Leben in einer „Matrix“ nicht angenehmer? Wie auch immer, ich werde das Spiel zwischen der Suche nach Innen und der der Suche nach außen weiter fortsetzen. Denn die Erkenntnis liegt nicht nur in einem selbst, sondern auch in all den Lebewesen um einen. Ich habe nur einen kleinen Teil von all dem schönen und liebenswerten, welches überall um mich herum zu finden ist. Ich wäre schön dumm, wenn ich dies vergessen würde. Also bei aller Gesellschaftskritik und angestrebtem Minimalismus. Das Glück liegt in mir, die Erfüllung aber in meiner Umwelt.

PS: Nichts ist süßer als wenn meine Katze gerade frisch aus der Dusche tappst

Ich und der andere - "die Liebe in Dir"

[um den Text flüssiger lesbar zu machen habe ich durchgängig in der männlichen Form des Gefähren geschrieben - die Gefährtin ist dabei mit eingeschlossen]
Mit welcher Person verbringst du so viel Zeit wie mit dir selbst? Wer war jedes Mal dabei, wenn du dich gefreut hast oder es dich schlecht ging? Richtig, du selbst. Mit niemandem bist du so unzertrennlich verbunden wie mit dem Menschen, der dir täglich im Spiegel gegenübersteht. Wie würdest du das Verhältnis mit diesem treuen Gefährten beschreiben? Hat dich die Zeit mit ihm zusammengeschweißt oder wartest du noch immer auf den Tag an dem er sich endlich ein eigenes Leben sucht? Wie ist es,  wenn du mit ihm alleine bist? Habt ihr euch noch viel zu erzählen oder seid ihr wie das Cliché eines alten Ehepaares? Sprich: könnt ihr Fliegen totstarren oder seid ihr noch verliebt wie am ersten Tag? Wie, du bist nicht selbstverliebt? Aber ihr seid doch sicherlich gute Freunde oder? Ich meine was könnte man dieser treuen Seele von Mensch den vorwerfen? Ist er nicht mit dir durch dick und dünn gegangen? Er ist ja sogar bei deinen heftigsten Jugendsünden bei dir geblieben. Das auf der einen Feier hätte wirklich nicht sein müssen ^^
Ok, vielleicht war er nicht immer der hilfreichste Partner beim lösen deiner Probleme. Das musstest du am Ende alles selbst machen. Aber immerhin hat er sich eine Zahnbürste mit dir geteilt und ist täglich mit dir aufgestanden, sogar wenn er lieber noch ein bisschen länger liegengeblieben wäre. Selbst den Tag hat er mit dir beendet, nicht dann wann er müde war, sondern wenn du müde warst. Ich gebe zu, dass eine solche Anhänglichkeit auch teilweise nerven kann. Sicherlich würde euch manchmal eine Trennung ganz gut tun. So wie ihr zeitweise miteinander redet… Aber leider geht das nicht. Du bist sein zuhause und er ist nicht in der Lage dieses zu verlassen. Er wohnt in deinem Körper, trinkt deine Lieblingsgetränke, hört deine Lieblingsmusik und hatte mit all deinen ExfreundInnen zeitgleich zu dir eine Liebesbeziehung. Er weiß noch wie dein erster Kuss geschmeckt hat und empfindet dieselbe Befriedigung wie du, wenn du nach langem Duschen dich abtrocknest. Wie neugeboren  freut er sich mit dir, wenn du euch in frische Klamotten packst. Er ist zwar nicht immer dankbar für all das was du für euch machst, doch er bleibt bei dir, egal was du machst. Er würde auch Jahre in der Ecke stehen, wenn du ihn aus deinem Leben ausschließen würdest. Trotzdem bleibt er bei dir. Kann das nicht auch eine beruhigende Tatsache sein? So bist du niemals allein, selbst in den dunkelsten Momenten deines Lebens. Manche nennen deinen Freund auch Gott oder Allah. Ich persönlich glaube, dass es keine treffende Abstraktion für ihn gibt. Jeder Mensch hat dementsprechend seinen eigenen Gott. Schlussendlich gibt es meines Erachtens eine treibende Kraft, welche alle Götter zusammenzieht. Deshalb ist es möglich dass Empathie, Freundschaft und Liebe existieren können. Je besser das eigene Verhältnis zu seinem Gott (ich nenne ihn übrigens Anders) ist, desto mehr kann man sich mit anderen Menschen verbinden. Ob ich nun an Gott glaube ist wirklich eine Frage der Definition…

Samstag, 8. Januar 2011

Soziale Arbeit - die "Eierlegende Wollmilchsau"




Wenn ich danach gefragt werde was ich eigentlich beruflich mache, antworte ich wahrheitsgetreu dass ich Soziale Arbeit studiere. Die Reaktionen darauf fallen sehr unterschiedlich aus. Viele können sich offenbar nicht viel darunter vorstellen, andere zeigen eine mitleidige Sympathie. Sprüche wie: „gut das sich da mal einer drum kümmert“ sind relativ normal. Eine häufig gestellte Frage lautet: „kann man davon überhaupt richtig leben?“ Soziale Arbeit wird oft als eine unterbezahlte Tätigkeit verstanden, in welcher man sich selbstlos für die Probleme anderer aufgibt. Ok, sicherlich, Soziale Arbeit ist kein Feld, in welchem man viel Geld verdient. Aber sie ist auch aus sich heraus keine selbstlose Aufopferung. Meiner Meinung nach kann man auch gar nicht "wirklich" helfen, wenn man sich aufopfert. Das heißt nicht, dass dies in der Sozialen Arbeit nicht geschieht. Der Punkt ist: es geschieht genauso in jedem andern Beruf. Wie viele "Workaholics" kennst du?

Am Anfang meines Studiums fragte mich meine Hausärztin nachdem ich ihr meinen Studiengang genannt hatte:  „sind nicht alle Berufe soziale Berufe?“ Ich war absolut baff und wusste nicht wirklich wie ich darauf antworten sollte, wie ich klar machen konnte wie besonders die Soziale Arbeit doch sei. Vorerst musste ich ihr also erst mal recht geben, da ich von meinem Studium noch nicht viel mehr wusste als den Namen: SOZIALE+ARBEIT. Gemeinschaftsarbeit? Das klang irgendwie… nach allem. Au, wie peinlich... Ich hoffte, dass ich bald mehr wissen würde. Aus dieser Blamage heraus habe ich ein gewisses Verständnis für jeden entwickelt, der nicht gleich weiß was Soziale Arbeit ist. Jetzt wo ich bereits im dritten Semester studiere, habe ich eine genauere Vorstellung von meiner Studienrichtung gewonnen. Trotzdem kann ich meine Ärztin in ihrer Aussage nicht so ganz widerlegen. Tatsächlich ist die Soziale Arbeit beinahe allumfassend. Wir studieren Soziologie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Politik, Recht, Kultur, Ethnologie, Geschichte und vieles mehr. Läuft alles gut, sind wir am Ende des Studiums "Eierlegende Wollmilchsäue". Nur als solche kann man die sozialen Probleme der Welt wissenschaftsfundiert begreifen. Sie sind halt komplex und multidimensional und deshalb manchmal nur multidisziplinär zu lösen. Da kann man sich nicht nur auf einen Bereich fokussieren. Der Nachteil daran ist, dass man sich zum einem mit vielem beschäftigen muss, was man gehofft hatte mit der abgeschlossenen Schulausbildung hinter sich gelassen zu haben. Zum anderen ist man höchstwahrscheinlich am Ende des Studiums in keinem Fachgebiet ExpertIn. Aber dafür auch wahrscheinlich kein/e FachidiotIn. Die Eierlegende Wollmillchsau hat also doch ihre Vorzüge.

Auf NEON.de habe ich noch ein weiteres Vorurteil gegenüber der Sozialen Arbeit gefunden:
„Das Sozialarbeitsstudium dient eigentlich nur der Selbstreflexion. Deswegen kann man es gleich bleiben lassen – denn: helfen kann ja jeder“
Auch dieses ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, oder? Ist denn jeder Mensch in der lage zu helfen? Handelt es sich nur um eine Frage des Willens? Schließlich kann jeder einem alten Herren über die Straße helfen oder einer Bettlerin etwas Geld in die Hand drücken. Vor allem spezialisiert Berufe wie ÄrztInnen und LehrerInnen helfen ihren PatientInnen und Schülerinnen doch auch. Ist dies ein Privileg der Sozialen Arbeit? Natürlich kann jeder Mensch helfen, doch gibt es in der Art der Hilfe große Unterschiede. Im Alltag helfen wir vor allem dabei 'affektive Probleme' zu beseitigen, was die Beispiele des Opas und der Bettlerin zeigen. Dabei wir aber meistens nicht lange analysiert. SpezialistInnen wie ÄrztInnen, PsychologInnen und DienstleisterInnen helfen bei konkreten Problemen. Wie der Name schon suggeriert haben sie sich auf einen Teilbereich der Hilfe spezialisiert. SozialarbeiterInnen sind dementsprechend die Bindeglieder, die die Aufgabe haben die Übersicht zu behalten und beim Koordinieren der Hilfe zu helfen. Leider ist dies praktisch nicht immer der Fall. Manche Teilbereiche der Sozialen Arbeit sind so spezialisiert, dass sie oft den Blick auf den Makrokosmos der sozialen Strukturen verlieren. Im Mikrokosmos gefangen wird dann nur noch affektiv gehandelt, wie im Alltag. Hier stimmt der Ausspruch dann: 'helfen' kann jeder!

Die Soziale Arbeit hat also ein Imageproblem und das meiner Meinung nach zu Recht. In meinem ersten Praktikum wurde mir folgender Witz erzählt:
„Was ist der Unterschied zwischen einem Kampfhund und dem Sozialarbeiter im Jugendamt? Der Hund gibt das Kind irgendwann wieder her.“
Im Internet habe ich dann noch diesen Witze gefunden:
„Wieviele Sozialarbeiter braucht man um eine Glühbirne zu wechseln?“
a.     „nur einen, aber die Glühbirne muss auch wirklich wollen“
b.     „keinen, dafür ist kein Geld in unserem Budget“
c.      „drei : Einen für die Arbeit, einen um die Erfahrungen zu teilen, und einen zur Supervision, damit die Professionalität der Arbeit gewährleistet ist“
d.     „100 : Einen um die Birne zu wechseln, und 99 für den Papierkram“
e.     „keinen. Die Glühlampe ist nicht durchgebrannt, sie erscheint nur unter einem anderen Licht“
f.       „bei professioneller Arbeit werden die Glühbirnen alle 24 Stunden gewechselt - egal ob sie wollen oder nicht“
Ich glaube, dass an vielen der mitschwingenden Clichés Fünkchen von Wahrheit dran sind. Durch mein letztes Praktikum im Wohnheim konnte ich den desillusionierenden Theorie/Praxis Unterschied auch schon hautnah miterleben. Mir wurde verraten ich könne all das was ich in meinem Studium lernen würde danach wieder vergessen, da es eh nicht in der Praxis angewandt würde. Das ist natürlich eine Übertreibung, doch woher kann ein solcher Ausspruch kommen? War es ein Einzelfall? Ich glaube nicht. Ich glaube dass hier die noch sehr junge Geschichte der 'Profession' Soziale Arbeit eine Rolle spielt. Erst durch das Bemühen von Menschen wie Alice Salomon - die Gründermutter meiner Uni - wurde die Sozialarbeit zu Zeiten der industriellen Revolution, also ende des 19. Jahrhunderts zu einem anerkannten 'akademischen' Beruf. Die Professionalisierung steckt also noch in den Kindershuhen - gerade mal etwas über ein Jahrhundert lang. Da sollte es nicht überraschen, dass also auch heute noch die Soziale Arbeit nicht immer professionell arbeitet. Es ist relativ gewöhnlich, dass Innovationen viel Zeit brauchen, bis sie in der Praxis ankommen. Wie lange haben wir geglaubt, dass die Erde eine Scheibe sei? Wie lange werden wir wohl brauchen, bis wir eine nachhaltige Energieversorgung haben? Was ich sagen will ist, dass die Soziale Arbeit mindestens zwei Gesichter besitzt - die Praxismaske und die Maske der Theorie. Diese beiden bilden miteinander den Diskurs der Sozialen Arbeit. Wenn sie so unterschiedlich sind, wie ich vermute, dann muss man sie unterscheiden, um die Soziale Arbeit differenziert bewerten zu können. 

Zur Verdeutlichung meiner Vorstellung des Diskurses begeben wir uns kurz in eine Allegorie ins Weltmeer. Die Praxis wird durch ein riesiges Schiff dargestellt, welches von Europa nach Amerika schippert. Ich - in der Rolle der Theorie - bin auf einem kleinen Rettungsbot neben diesem. "Hallo!" *freundlichwink* Ein paar Mal habe ich mich kurz an Deck des Kolosses begeben. Trotzdem muss ich einräumen, dass ich es vor allem aus Vorstellungen kenne. Doch das was ich gesehen und mit vorgestellt habe, hat mich bereits überzeugt, dass ich nicht mit nach Amerika fahren will. Ich will nicht in die Karibik sondern nach Ozeanien - wo dies liegt später mehr. Alleine mit meinem Schlauchboot komme ich jedoch nirgendwo hin. Gut dass das Schiff nur sehr langsam ist, so kann ich andocken. Vielleicht kann ich ja ein paar Leute von einer Kurskorrektur überzeugen? Auf alle Fälle muss ich früher oder später auf das Schiff steigen, denn neben meiner Kritik am Schiff ist es doch auch ein nützliches Objekt um voran zu kommen. Es ist zwar keine Eierlegende Wollmilchsau, aber was bekanntlich noch nicht ist, kann ja vielleicht noch werden...

Wenn ich die Möglichkeit hätte würde ich das Schiff gleich ans nächstgelegene Ufer bringen, um eine grundlegende Veränderung vorzunehmen. Etwas an der Grundkonstruktion des Schiffes stimmt nicht und macht eine Weiterfahrt gefährlich. Konkret gesprochen: ich mag die systematischen  Exklusionen/Ausschließungen in der Sozialen Arbeit nicht. Überall hat unsere Gesellschaft Normen  und Abweichungen  aufgestellt (e.g. SGB, ICD 10...). Sei es im Arbeitsmarkt: es ist normal, dass man einer Beschäftigung nachgeht oder zumindest anstrebt, ansonsten erhält man keine Leistungen. Oder sei es bei physischen und psychologischen Problemen. Es muss erst mal ein Krankheitsbild festgestellt werden, bevor einem geholfen werden kann. Das Problem an sih reiht niht aus. Die Sozialarbeit hilft also in erster Linie der Gesellschaft und erst in zweiter Linie den einzelnen Menschen. Damit ist sie ganz klar system-stabilisierend. Ich halte es für wichtig, dass der Mensch im Mittelpunkt des Systems steht und nicht das System selbst. Wie kann es sein, dass wir bei unserer heutigen Definition von Normen meist mehr Leute haben, die von dieser abweichen, als Leute die diese erfüllen? Schürt das nicht eine bittere Frustration? Das Gefühl nicht normal zu sein können wir sicherlich, zusätzlich zu unseren Problemen, nicht auch noch gebrauchen, oder? Sind Probleme denn 'heutzutage' nicht normal???

Würde man hingegen das System auf eine Unterscheidung von Inklusion und Exklusion umstellen, wäre das unnormal-machen und die starke Systemorientierung vielleicht zu vermeiden. Das Ziel der/des SozialarbeiterIn wäre es dann den/die KlientIn vor der Exklusion - dem Fall aus der Gesellschaft -  zu bewahren, ihn aber nicht an externen Normen zu messen. Um dies zu illustrieren werde ich kurz aufdecken woher ich meine Idee dazu habe:

Ausschnitt aus: Fachzeitschrift Soziale Arbeit 21/1998:
Ghttp://www.fen.ch/texte/mh_funktionsa.htm
„In letzter Zeit werden immer wieder Stimmen laut, die von einer "Inflationierung" des Suchtbegriffs sprechen. Dadurch dass jedes übermäßige Verhalten als Sucht bezeichnet werde, sei der Blick auf die wirklich gefährlichen Süchte verstellt.
Eine solche Argumentation ist insofern nachzuvollziehen, als dass eine Unterscheidung nicht mehr viel Sinn macht, wenn die andere Seite der Unterscheidung, das “Normale”, kleiner wird als das, was als “nicht normal” bezeichnet werden soll. Bei der Sucht führt das dann zu weiteren Unterscheidungen wie "schlimmen" Süchten und "Alltagssüchten". Diese sind aber auch nicht befriedigend, denn es wird niemand bestreiten, dass nicht nur Heroinsucht, sondern auch Ess-, Arbeits-, Sex- oder Spielsucht für die Betroffenen und ihr Umfeld schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Andererseits ist es auch für Heroinabhängige durchaus möglich, ein integriertes Leben zu führen, sofern sie genügend Geld haben, sich sauberen Stoff zu beschaffen.
Hier bietet der Inklusions-/Exklusionsansatz eine neue Definitionsmöglichkeit: Als "Sucht" könnte jedes wiederholte Verhalten bezeichnet werden, welches für die Betroffenen zu Exklusionsproblemen jeglicher Art führt und trotz dieser Probleme nicht unterlassen werden kann“

Ich fand die Argumentation des Autors [Martin Hafen] ziemlich überzeugend. Ich hatte vorher noch keine Ideen gehabt, wie man der System-Stabilisierung der Sozialen Arbeit entgehen könnte. Schlussendlich hoffe ich, dass ich einen kleinen Einblick in die Soziale Arbeit geben konnte. Zum Abschluss noch ein weiterer SozialarbeiterInnen Witz, ach warum nicht gleich zwei. Ich will heute mal "sozial" sein^^



„Günther schnell besauf dich und schlag die Kinder zusammen!! Die Soziologen kommen! Wir sind schließlich Sozialhilfeempfänger und wollen die Leute von der UNI nicht enttäuschen“

Zwei Sozialarbeiter gehen im Park an einem See spazieren. Ein Mann im Wasser schreit verzweifelt um Hilfe. Die Sozialarbeiter gehen unbeeindruckt weiter. Der Mann schreit weiter um Hilfe. Keine Reaktion. 
Da ruft der Mann: "Hilfe! Ich ertrinke!"
Meint der eine Sozialarbeiter zum anderen: "Das wurde aber auch Zeit. Endlich hat er sein Problem erkannt."