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Freitag, 28. Januar 2011

Der Verwandtschaftsdiskurs und ihre Verwandtschaft zu anderen Diskursen

In den letzten Jahren hat sich durch zahlreiche technische Innovationen wie der künstlichen Befruchtung und dem Zusammenwachsen der gesamten Weltgemeinschaft ein Definitions-Dilemma entwickelt. Die neue Kommunikationstechnik wie das Internet hat den Raum geschaffen normative Diskurse unglaublichen Gruppengrößen und Meinungsverschiedenheiten zu hinterfragen und „neu“ zu denken. Die alten Machtstrukturen wurden dadurch aufgeweicht und unterwandert. Viele KritikerInnen konnten sich vereinigen und die Hegemonie in vielen Diskursen aufdröseln. Dabei gibt es scheinbar eine direkte Verbindung zwischen den Diskursen untereinander.

Dementsprechend sind die historischen Muster der hegemonialen Diskurse sich sehr ähnlich. So ist beispielsweise die klassische Rollenverteilung von Mann und Frau untrennbar mit der Vorstellung der klassischen Familie mit Ehemann und Ehefrau verbunden. Verändert man eine, so ändert sich automatisch die andere. Systemisch gesehen bilden sie ein enges Netz von ineinander verwobenen Schemata. Das Ziel von vielen Diskus-Analysen ist die Dekonstruktion dieser statischen Gebilde. Grundlage dafür ist meist die Annahme dass der Mensch und die Gesellschaft dynamische Wesen sind und durch feste Gebilde wie Normen in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.

Betrachtet man nun die von David M. Schneider in den Diskurs gebrachte „moderne“ Definition von Verwandtschaft über Natur- und Kultur-Code und führt diese Betrachtungsweise weiter, dann erkennt man, dass sich dadurch automatisch der dominante Fokus vom biologischen Aspekt löst. Der hegemoniale Verwandtschaftsbegriff schien beinahe zeitlos und unveränderlich zu sein. Wollte man zuvor über diesen diskutieren, musste man unter „Experten“ auf der beschränkten biologischen Ebene Argumente finden. Dabei spielte und spielt sicherlich auch die Religion eine Rolle. Schnell war man bei Fragen nach Gott und dem Natürlichen. Fing man an einen Diskurs zu hinterfragen, kam man automatisch zum nächsten. Das Netz der Normen war ziemlich dicht und lag wie eine stramm gezogene Decke über einem. Viele Anti-Bewegungen in den Diskursen waren und sind teilweise immer noch die Folge. Anti-Kapitalismus, Anti-Faschismus und auch der Opferfeminismus. Mir kommt die Vorstellung der stramm gezogenen Decke wieder in den Sinn. Die Anti-Bewegungen haben es zwar geschafft sich aus dieser zu befreien, doch sie sind damit auch automatisch außerhalb der Decke. Das Dekonstruieren ist jedoch unglaublich schwierig, wenn man von außen ansetzt und Nebenströmungen aufmacht. Die Selbstdefinition ist von dem anderen abhängig und dadurch schnell blind für eigene Trugschlüsse bei der Dekonstruktion. So kann es wie beim Krieg gegen den Terrorismus oder der RAF zu ungewollten Nebenwirkungen kommen.

Umso hilfreicher empfand ich dafür die Einbeziehung von Kultur in den Verwandtschaftsdiskurs. So erhielt dieser zumindest einen dualen Charakter. Mittlerweile ist jedoch selbst dieser wie die Vorstellung von Zweigeschlechtigkeit nicht mehr so eindeutig – Verwandtschaft ist zu einer „hybriden Repräsentation“ geworden, in welcher die Übergänge zwischen Natur und Kultur fließend geworden sind. So bezeichnen sich heutzutage Menschen als miteinander verwandt, die nur einen ähnlichen genetischen Defekt haben („Bio-social related“). Es kommt sogar zur als natürlich angesehenen Seelenverwandtschaft. Auch die Adoption wird immer mehr naturalisiert. Dies vor allem durch den Blick ins Tierreich, in welchem viele Spezien wie bzw. Schimpansen, Schweinen und Katzen ähnliche Verhaltensweisen zeigen. Schlussendlich kann man sich fragen, ob nicht alles vom Menschen konstruierte selbst natürlich ist. Ist der Mensch nicht selbst ein Teil der Natur?

Durch den immer schwächer werdenden Kontrast in den Kategorisierungen kommt es zunehmend zum Entstehen von Begriffen wie „Gender“ und „Relatedness“. Die Diskurse werden zu Dachkonstruktionen und bieten Raum zum Vermischen. Moderne Kategorisierungen müssen sich neue Auffälligkeiten suchen. Die dadurch entstehenden Schablonen werden relativ komplex und es erfordert genaue Analysen, um aussagekräftige Cluster zu finden. Ich vermute, dass keine Schablone jemals von Raum und Zeit losgelöste Gruppen ausmachen kann. Alle Konstruktionen sind demnach relativ. Die Umwelt ändert sich andauernd. Man kann nur nach „Momentaufnahmen“ und „Verhaltensmustern“ suchen. Das Zeitalter der einfachen Klarheit scheint damit vorbei zu sein. Wir müssen uns wohl mit den Komplexitäten in all ihrer unendlich wirkenden Vielfalt auseinander setzten.

Dabei dürfen wir jedoch nicht in einer Utopie-Starre verharren. Denn nur weil sich die Diskurse öffnen heißt es noch lange nicht, dass alte Konstruktonsmuster plötzlich verschwunden sind. Viel mehr verlagern sie sich wie beim Rassismus von natürlichen Definitionen zu kulturellen und „vice versa“. Die Dekonstruktion ist jedoch eingeschlagen und wohl kaum zu stoppen solange es kritische Köpfe unter uns gibt. Keine Statik kann in einem dynamischen Umfeld zeitlos unverändert überstehen. Selbst Sandkörner dekonstruieren die festesten Steine. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Menge an Sand.

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