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Freitag, 11. Februar 2011

„Imagined Communities“ – die alltägliche Fantasiewelt –


Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens Zugehörigkeitsgefühle zu einzelnen Gruppen. In der Persönlichkeitsentwicklung ist dieses nicht wegzudenken. Die Gruppen können aus variabler Personenanzahl bestehen. Es kann der/die Lebenspartner_in, die eigene Familie, die Verwandtschaft, der Freundeskreis oder der Interessenkreis (Vereine, Arbeitsstelle etc.) sein. Solange man eine persönliche Bildung zu jedem Mitglied dieser Gruppe hat, kann ein partnerschaftlicher Austausch stattfinden, welcher wechselseitig und frei von Hierarchien sein kann. Diese Art der Bindung ist der Nährboden für langjährige Bekanntschaften, Freundschaften und Liebesbeziehungen. Alle Seiten konstruieren ein dynamisches Bild von den jeweils anderen Gruppenmitgliedern und dem Gemeinschaftsbild der eigenen Gruppe. Durch die individuelle Wahrnehmung aller Mitglieder entstehen dynamische/stabile Gruppen.

 In den „Imagined Communities“ hingegen kennt man die Gruppenmitglieder nicht alle persönlich. Die Verbindung hat einen spirituellen Charakter. Jedes Gruppenmitglied entwirft die eigene Definition von Normen und Werten durch welche sie mit der Gruppe verbunden ist. Im Zentrum dieser kann ein Mensch (e.g. eine Berühmtheit), eine Gruppe von Menschen (e.g. Fußballteam, Band) oder schlichtweg eine Abstraktion stehen (Lebenseinstellung: Hobbie, Religion, Philosophie etc.). Eine sehr populäre Gruppe bildet beispielsweise „die Menschheit“ – die meisten Leute fühlen sich zu dieser zugehörig. Es gibt jedoch auch „intellektuelle Aussiedler_innen“ welche sich eher in anderen Kategorien wiederfinden (e.g. dem Kosmos, der Natur, den Lebewesen). Dies sind Personen wie „Timothy Treadwell“ [Grizzly Man] und „Christopher McCandless“ [Into the Wild] oder „Shaun Monson“ [Earthlings]. Je abstrakter die Gruppe der Zugehörigkeit wird, desto mehr Freiheit entsteht für die Selbstentfaltung. 
Diese „Separation“ aus der Hauptgruppe führt jedoch auch zum Entkoppeln aus der Gesellschaft. Denn der „hegemoniale-Diskurs“ [vorherrschende Identifikation] verliert durch den eigenen Paradigmenwechsel nicht an Macht und Einfluss. Ich vertrete deshalb die Meinung, dass kein Weg an der Beschäftigung mit dem „Mainstream“ und deren Gruppierungen vorbei führt, wenn man seine eigenen Freiheiten und Werte ausleben will.

Wenn ich also für die Rechte der Tiere und Pflanzen oder sogar des ganzen Planeten eintreten will, reicht es nicht die eigene Lebenseinstellung zu verändern und alles andere zu verurteilen. Ich muss verstehen wie die Gruppendynamiken meiner Gesellschaft in den einzelnen Teilbereichen funktionieren.

Das führt mich zu 3 Fragen:
  1. Worüber identifizieren sich welche Gruppen und welches Spektrum gibt es bei den einzelnen Gruppenmitgliedern in der Identifikationsart?
  2.  Wie kommt es zu dieser Identifikation – welche psychologischen und soziologischen Muster führen zu einer solchen abstrakten Bindungsform?
  3. Welche Bedürfnisse befriedigt eine „Imagined Community“?

Ich halte es für wichtig bei der Analyse der „Imagined Communities“ bei den individuellen Bedürfnissen anzufangen, welche durch diese befriedigt werden. Denn die Bedürfnisse sind vermutlich der Hauptantrieb für das festhalten an den „Imagined Communities“. Will man diese kritisch reflektieren und dekonstruieren, könnten die Bedürfnisse also ein Hebelpunkt für einen Identitätswandel sein. Ich muss dazu schreiben, dass das Ziel der Dekonstruktion nicht die Manipulation des anderen und die Durchsetzung der eigenen Lebenseinstellungen ist. Das Ziel ist der Prozess der Reflexion und der kritischen Auseinandersetzung mit der Umwelt und Innenwelt. Ich gehe davon aus, dass sich die Identifikation automatisch neue Ideale sucht.

5 Faktoren die mit den Bedürfnissen zusammenhängen:
  1. Der Unterhaltungsfaktor – passiver Konsum – „vorgetäuschte Teilhabe“ – Matrix
  2. Fluchtfaktor – Suche nach einer anderen Realität – Projektion eigener Probleme – u.a. das Ausleben von Aggressionen
  3. Der Ablenkfaktor – Nervenkitzel – zwischen Stress und Euphorie
  4. Der ästhetische Faktor – e.g. Liebe zu Sport/Musik/Kunst etc. pp.
  5.  Ein geliehener Selbstwert – eventuelle Minderwertigkeitskomplexe verschwinden im Zugehörigkeitsgefühl

Mit Sicherheit treffen nicht alle 5 Faktoren für jedes Gruppenmitglied und jede Gruppenart zu. Deshalb ist es wichtig den Hintergrund eines „Fans“ [von nun an Synonym für Gruppenmitglied] oder einer „Fanschicht“ [Fans die bestimmte Identifikationsmuster teilen e.g. Hooligans im Fußball] zu ergründen. Gibt es in der Innen- oder Umwelt sichere Bindungen die von Wertschätzung, Konstanz und Toleranz geprägt sind? Dieser Bereich ist ziemlich heikel, denn zum einen wird die Antwort bei jedem Fan anders aussehen und zum anderen ist es schwer diese Informationen zu bekommen. Schlussendlich kann ich nur Nuancen und Prognosen zu den kognitiven Mustern feststellen/abgeben. Je allgemeiner diese sind, desto weiter muss meine Analyse gestreckt werden. Nichts desto trotz ist eine Erkenntnisgewinnung auch von der Distanz möglich. Für eine Dekonstruktion und genaue Analyse bedarf es qualitativer Forschung (Interviews, Videoanalyse, Textanalyse etc. pp.). Ohne diese kann ich nur die Vermutung aufstellen, dass Leute deren Lebensmittelpunkt im Fandasein liegt keine bis wenige sichere Bindungen zu sich und/oder zu anderen Menschen haben. Die Vermutung läge dann nahe, dass die „Imagined Communities“ ein Ersatz für fehlende persönliche Bindungen darstellen. Wenn dies so wäre, dann könnte man darauf schließen, dass die Fans, welche sich am stärksten mit ihrer Gemeinschaft identifizieren die extremsten Reaktionen zeigen, wenn ihr Bild der „Ideal-Community“ ins Wanken gerät. Bei persönlichen Bindungen kann man sich bei einer Krise mit den anderen zusammensetzen und eine empathische Verbindung untereinander aufbauen. Bei „Imagined Communities“ ist dies erschwert. Das Problem ist, dass das Bild von der Gruppe nicht in einem allseitigen Austausch entstanden ist. So kann e.g. ein VIP unmöglich jeden einzelnen Fan kennen. Schlussendlich kann eine solch lose Bindung schnell zu einer Hierarchie führen, welche eine kritische Auseinandersetzung mit dem Idol und sich selbst erschweren. Meistens wird das Idol idealisiert und verteidigt – sowohl mit verbaler als auch mit körperlicher Gewalt. Das Selbstbild ist dabei meistens von weniger Wert als das vom Idol. Wenn nun die fiktive mit der realen Welt kollidiert kann es zu Ängsten (Phobien) und der Konstruktion von Feindbildern kommen. Das Risiko einer Psychose ist erhöht. Es sollte also nicht überraschend sein, wenn man solche Nachrichten liest:

[Bundesamt für Politische Bildung über Fußball und Rassismus]

 Fußball und Gewalt sind in vielen Stadien eine untrennbare Einheit. Das haben nicht erst die gewaltsamen Ereignisse in Leipzig Anfang Februar 2007 gezeigt. Und immer öfter sind die Täter rechtsextrem motiviert, wie Ende November 2006 in Paris: Ein wütender Mob machte Jagd auf einen jüdischen Fan und einen Zivilpolizisten nordafrikanischer Herkunft. Unter Rufen wie "dreckiger Nigger" und "Drecksjude" griff der Mob die beiden an. Der Polizist zog die Dienstwaffe und schoss, ein Angreifer starb, ein weiterer wurde schwer verletzt. Auch in Deutschland schallen rassistische Parolen und Anfeindungen durch die Stadien. Gezielt rekrutieren Neonazis hier Wähler und Nachwuchs. Mehr und mehr macht der Rassismus beim Fußball den Clubs zu schaffen – und das Spiel für manchen Spieler unerträglich.


Interessant an diesem Artikel und anderen zum Thema [e.g. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,409048,00.html] ist die Art und Weise wie beispielsweise Rassismus/Frauenfeindlichkeit/Homophobie etc. in den Medien dargestellt werden. Es klingt nach Einzelerscheinungen welche von einer Gruppe von Extremisten ausgehen. Ich glaube jedoch, dass die Neonazis nur die Spitze des Eisberges in der Dynamik miteinander konkurrierender "Imagined Communities" sind. Der Fan-Kult ist zur Machtmaschine geworden, in welchem das Ziel nur selten die „Kunst“ an sich ist. Systematisch wird aus der Identifikation der Leute außerdem finanzieller Profit gemacht - vor allem im Fußball. Jeder größere Verein hat mittlerweile eine eigene Marketingabteilung welche Fanartikel und Werbung für den Verein organisiert. Mit Liebe zum Sport hat dies nicht mehr viel zu tun. Im Profisport geht es um viel Geld. Spieler werden nach Marktwert für Millionen verkauft und gekauft. Scouts reisen um die Welt um neue Talente zu finden. Ich will damit nicht unterstellen, dass es ein  Sklavenhandel ist (die Spieler entscheiden u.a. mit bei welchem Verein sie spielen wollen). Nichtsdestotrotz handelt es sich um postkoloniale Strukturen, in welchen mit Menschen wie mit Waren umgegangen wird. Kein Wunder, dass dies ein idealer Nährboden für Leute mit faschistischen Gedankenmustern ist.

Selbst die Nationalmannschaften wie der DFB oder Olympia haben eine nationalistische Struktur. So gibt es Länderspiele wo eine Nation gegen die andere spielt. Im Mittelpunkt steht meines Erachtens wieder nicht der Sport. Es geht nur selten darum, dass die besser spielende Mannschaft/Athlet gewinnt. Vielmehr wird das kollektive Besiegen einer anderen Nation forciert (WM/Olympia Medaillenspiegel etc.). Allein die Sprache e.g. beim Fußball macht dies deutlich: der Begriff "Kader" bezeichnete ursprünglich eine besondere Gruppe militärischer Vorgesetzter, die "Flanken" haben ursprünglich die Seiten einer nach Tiefe gegliederten Militäreinheit bezeichnet und auch das allseits bekannte "Schießen" kennt man eigentlich von Waffen. Man muss nur eine Fußballzeitung aufschlagen und schon hat man massenhaft Abstraktionen die man eigentlich aus der militärischen Kriegsführung kennt.

Dass heißt nicht, dass Fußball nicht auch einen positiven Einfluss auf das Image beim "Anderen" haben kann. So wird vielfach gelobt wie gut sich Deutschland während der WM2006 als Gastgeberland verhalten hätte:

[de.fifa.com]
„In aller Welt zeigte man sich positiv überrascht, mit welcher Hingabe Deutschland die Weltmeisterschaft feierte. Vor allem die Tatsache, dass auch exotische [besondes fremde] Teams würdig empfangen und bejubelt wurden

Es wurde sogar geschrieben, dass viele die zuvor Deutschland mit Hitler und dem Dritten Reich in Verbindung brachten durch die WM zum Umdenken kamen. Ich frage mich dabei wie das Bild von den anderen durch ein Ereignis so eklatant umgepolt werden konnte (falls dies überhaupt passiert ist). Schlussendlich ist jede Nation eine „Imagined Community“. Für mich ist es eher besorgniserregend wie beeinflussbar die Meinungsbildung sein müsste, wenn ein kurzes Sportevent das „historische Gedächtnis“ ausradieren könnte.

Mein Gefühl sagt mir, dass wir zunehmend unser Langzeitgedächtnis verlieren. Der technische Fortschritt macht es möglich in nahezu allen Bereichen des Lebens Gedächtnis- und Körperstützen für unseren Alltag zu haben. Hochqualifizierte Leute aus der Soziologie und Psychologie forschen daran wie sie uns das Image von ihren Produkten schmackhaft machen können. „Der/Die Konsument_in ist König_in“.
In den letzten Jahren hat sich das Marketing ein unglaubliches „Know How“ über die Vermarktung der eigenen Produkte und die Psyche der Kund_innen erlangt. Das gibt ihnen unglaublich viel Macht. Produkte und Werbung werden für den Kunden zugeschneidert. Dabei spielt die eigene Ideologie nur marginal eine Rolle. Solange es einen Absatzmarkt für ein Produkt gibt wird es geworben und gehandelt. Das Problem dabei ist, dass eine Marke, wenn sie einmal groß geworden ist eine Pfadabhängigkeit entwickelt. So kann ein Autobauer nicht einfach zum Brotbäcker werden. Deshalb muss die Marktposition verteidigt werden. Auch wenn der Absatzmarkt sinkt. Durch die viele Erfahrung und das kognitive und gesellschaftliche Wissen kann die Werbung durch Populismus einen „künstlichen Markt“ erzeugen. Eine Blase, welche jedoch früher oder später platzt. Nämlich in dem Moment, in welchem der Konsument aus der Werbematrix erwacht. Das ist die größte Sorge der Firmen, deshalb wird die Matrix auch mit allen Mitteln aufrecht gehalten. So verhinderte u.a. die Öl-Lobby das Elektroauto und die Plastik-Lobby die Studien zur Gesundheitsgefährdung der Plastik-Inhaltsstoffe etc. pp.

Auf vielen Ebenen gibt es also Marken welche auch zur „imagined Community“ werden. Expert_innen versuchen die Kunden zu manipulieren und in diese ihre Bilder zu Pflanzen. Es werden Bedürfnisse angesprochen denen sich viele Menschen gar nicht bewusst sind. Die Leute sind unterschiedlich anfällig für diese Manipulationen. Schlussendlich bedarf es immer der aktiven Beteiligung von beiden Seiten für eine Manipulation. Ich vermute, dass genau jene Menschen manipulationsanfällig sind, die auch zu der Gruppe der Suchtgefährdeten gehören. Dazu gibt es bereits viele Forschungen. Viele von ihnen beziehen sich auf die Bindungsform eines Menschens zu seiner Um- und Innenwelt. Je stärker und sicherer die "privaten" sozialen Bindungen desto resistenter ist man gegen Süchte. In der Abstraktion also gegen Manipulation und "Imagined Communities". Hat man diese Sicherheit nicht, dann begibt man sich schnell in unbefriedigende Konsum./Verhaltensmuster. Die dadurch entstehende Frustration führt schnell zur Suche nach einem Sündenbock. Irgendjemand muss für die eigene Emotion verantwortlich sein. Leider ist es nur selten wie im Krimi wo am Ende eine Person schuldig ist und die Tat gesteht. Die meisten Probleme sind systemisch und psychologisch begründet. Zumindest ist das mein vorläufiges Fazit. Ein guter Anfang ist es über sich und die anderen nachzudenken und mit der Veränderung bei sich selbst anzufangen. Fantasy aller "Imagined Communities" kann eine tolle Sache sein, wenn sie jedoch die Realitätswahrnehmung so sehr verzerrt, dass Aggressionen auf andere übertragen werden, dann wird sie gefährlich und erzeugt ein leicht zu instrumentalisierendes Volk. Wozu dies in der Vergangenheit geführt hat ist kein Geheimnis...

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