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Dienstag, 25. Januar 2011

Aus der Dunkelheit


Es ist dunkel. Um mich herum ist kaum ein Laut zu hören. Meine Ohren und Augen versuchen jeden kleinsten Unterschied in meiner Umgebung wahrzunehmen. Wie gebannt warten sie voller Spannung auf Eindrücke, um Rückschlüsse auf mein Umfeld zu schließen. Die Dunkelheit und Stille drückt schwer auf meine Lungen. Ich verspüre ein Druckgefühl um meinen Kopf. Ich fasse nach oben. Ein Band ist um Stirn und Hinterkopf gebunden. Langsam taste ich mich einmal um meinen Kopf. Direkt vor meiner Stirn ist etwas festes, ein Knubbel. Er sticht wie meine Nase aus meinem Gesicht heraus. Er ist fest, ich fühle mich um das Material. Eine ovale Rundung hebt sich aus der ansonsten ebenen Fläche heraus. Ich übe etwas Druck auf diese aus. Es klickt. Ein Schmerz reißt mich aus der Ruhe, meine Augen brennen. Mein eingeengter Kopf fängt an zu pochen, mein Herz schlägt schneller. Ein Nebel wischt durch die Dunkelheit und zerrt an meinen Nerven. Zitternd taste ich nach dem Knopf und hole mir die Dunkelheit zurück. Der Nebel verschwindet, doch helle Flecken durchstechen das Schwarz um mich. Irgendwas muss  sich in meine Netzhaut geätzt haben. Mit jeder Bewegung meiner Augen wandern die Flecken mit. Minuten vergehen. Die Ellipsen und kreisähnlichen Objekte verschwinden. Die wohlige Klarheit der Konturlosigkeit  strömt durch meinen Körper. Ich könnte noch Stunden so verharren. In mein Gehirn haben sich jedoch die Nebelfäden eingebrannt und ich will herausfinden was diese auf sich haben. Gelassener, aber voller Spannung bewege ich meinen Zeigefinger wieder auf den weichen Knopf meiner „oberen Nase“. Wieder ein Klick. Nochmal beginnen meine Augen zu brennen, diesmal habe ich jedoch damit gerechnet. Ich kneife sie zusammen. Die Nebel werden zu Wolken und bilden ein Gegenbild meiner Dunkelheit ab. So warte ich eine Weile, bis sich diese etwas beruhigt haben. Das was ich nun sah hatte ich nicht erwartet. Zu der Hell-Dunkel-Erfahrung kam nun eine unfassbare Varianz an anderen Kontrasten – Farbe schmierte sich auf meine Linse. Zudem klappte sich der Raum vor mir aus. Aus der Fläche die ich gesehen hatte, wurde nun ein tatsächlicher Raum. Mit jeder Kopfbewegung änderte sich die Szenerie. Das zuvor gesehene begann zu verschwinden und neues drang dafür ins Blickfeld. Die alten Eindrücke waren jedoch nicht verloren. Sobald ich mich versuchte an sie zu erinnern, schoss ein mehr oder minder scharfes Bild in meine Wahrnehmung. Es war so als hätte es einen bleibenden Eindruck auf meiner Innenwelt hinterlassen. Schon bald konnte ich Bilder miteinander mischen, Farben kombinieren und Konturen erweichen oder erhärten. Ich fing an die Objekte anzufassen, zu beschnuppern und zu schmecken. Nachdem ich einige Meter gelaufen war erweiterte sich meine Dimension erneut, ich hörte ein Rauschen und Knistern. Nach wenigen Minuten war ich erschöpft und lief zu meinem Ausgangspunkt zurück und knipste das Licht wieder aus. Es kehrte jedoch keine Ruhe ein, Gedankenblitze funkkten in meinen Gedankenstrom. Ich begann meine Erlebnisse nochmal zu erleben. Dabei bewegte ich meinen Körper beinahe so mit, als wären sie Realität.

Die nächsten Tage begann ich meine Umwelt weiter zu erkunden. Ich lief nicht immer wieder bis zu meinem Ausgangspunkt zurück. Zu fasziniert war ich von dem was ich sah. Manchmal verbrachte ich so viel Zeit  mit einem neuen Objekt, dass ich mich und den Rest meiner Erlebnisse ganz vergaß. Wie Gollum mit seinem „Precious“ bannte mich die Schönheit, die ich vorfand. Je länger ich an einem Objekt blieb, desto stärker fokussierte sich der Leuchtkegel auf dieses Unikum. Die Dunkelheit um uns begann uns zusammen zu schweißen. Ich fing an im Wir zu denken. Wir und die anderen. Der Kontrast verstärkte sich zunehmend. Alles andere verlor an Wert. Ich weiß nicht mehr an welchem Punkt ich erkannte, dass dies nicht ewig so weiter gehen konnte. Aber dieser kam und ich zog schweren Herzens weiter.

Mit der Zeit lernte ich, dass ich wie ein Zoomobjektiv funktionieren konnte. Ich näherte mich andern Objekten, untersuchte sie und guckte dann wieder von der Ferne. Ich schaffte es sogar eine zusätzliche Dimension einzuführen. Ich verband und abstrahierte meine Erfahrungen mit denen aus der Vergangenheit. Ich kreierte sogar neue noch nie erlebte Szenerien. Dies war der Moment an welchem ich zu träumen anfing. Ich begann mir die Zukunft vorzustellen und rekonstruierte die Vergangenheit. Meine Welt gewann an Komplexität. Sie wurde reicher, aber auch schwieriger zu verarbeiten. Zum Glück wuchsen meine Fähigkeiten mit den wachsenden Aufgaben. Es kam jedoch auch immer wieder zu Wachstumsstörungen. So verlief meine Entwicklung selten linear. Vielmehr war es wie das Tanzen von Salsa. Ein paar Schritte nach vorne, ein paar zur Seite und ein paar zurück. Solange ich den Rhythmus einhielt schien alles wie in einem Fluss zu funktionieren. Ich flog regelrecht durch mein Leben. Umso schwieriger wurde es den Tanz für eine Verschnaufpause zu unterbrechen. Ich wurde zum Gollum der großen Welt. Zwar verlor ich mich nicht in diesem Wachstum, doch schien ich mit nichts wirklich gesättigt und zufrieden zu sein. Ich wusste auch, dass es ein unendliches Streben sein würde. Denn man konnte immer weiter ran und weg zoomen. Selbst die Linsen waren austauschbar. Und alle Objekte in einem dauerhaften Wandel. So war es wesentlich hilfreicher Verhaltensmuster under Veränderungen zu analysieren als den Ist-Zustand zu beschreiben. Denn dies war schnell in die Vergangenheit gerichtet und auch nur ein "Snapshot" des ganzen Wesens eines Objektes. Was mich am meisten beeindruckte war, dass alle Dinge, welche ich fand mit allen andern zusammenwirken. So konnte ich von einem Objekt Prognosen für die Veränderung anderer erstellen. Ich wurde zum Wissenschaftler.

Ich war tief beeindruckt über die Dynamik und Interaktion meiner Umwelt. Alles schien auch mit mir verbunden zu sein. So fühlte ich mich nie allein. Ich begann auch Dinge zu lieben, welchen ich zuvor keine Beachtung geschenkt hatte. Ich verschmolz und entschmolz mit meiner Umwelt. Trotz dieser universalen Verbundenheit waren die Bindungen unterschiedlicher wie sie nicht sein konnten. Manche Organismen lebten in regelrechter Symbiose – in direkter Beziehung – zueinander. Andere indirekt in nahezu unendlich langen Abhängigkeitsketten. Für meine Vorstellung waren diese unmöglich zu erfassen. Deshalb nannte ich dies göttliche Kraft. Jetzt war ich ein Geistlicher.

Das lustige dabei war, dass jedes Organismus für sich das Zentrum des Universums bildet – und das ist auch gut so. Denn zum Streben und Interagieren braucht man immer auch einen Standpunkt. Man kann sich bewegen und seine Hülle verlassen. Doch schlussendlich wird man immer wieder in diese zurück gezogen. Besonders spannend finde ich in dieser Hinsicht meine eigene  Spezies. Wenige von ihnen scheinen wirklich in sich zu ruhen. Wir sind überall, aber nicht im jetzt und hier. Dafür haben wir ein unglaubliches Spektrum an Facetten und Komplexitäten scheinbar jenseits der Natur entwickelt. Wir nennen es Kultur und es ist tatsächlich nur schwer greifbar. Geht man jedoch davon aus, dass Gedanken auch nur kleine Organismen sind, dann ist selbst dies noch Teil der Natur. Auch was wir kulturell erschaffen ist natürlich Natur. Dementsprechend zerstören wir auch nichts wirklich, wir formen es nur um und verringern somit vorwiegend die Vielfältigkeit und Balance unserer Umwelt. Wir müssen uns jedoch keine berechtigten Sorgen um unsere Welt und unser Universum machen. Schlussendlich kann man diese nicht zerstören. Zeitlich sind wir so marginal ein Teil von ihnen, dass unser Einfluss nahezu vernachlässigbar ist. Wollen wir jedoch, dass wir einen größeren Zeitraum in der Geschichte einnehmen, dann müssen wir nicht die Umwelt retten, sondern uns. Ich glaube das würde eine wirkliche Herausforderung sein und ich bin mir sicher, dass es möglich ist. Der Mensch ist ein wunderbares Geschöpf von komplexer Vielfältigkeit und Schönheit und hat alle Mittel dies zu schaffen in sich selbst.

Der Schlüssel dazu ist die künstlich geschaffene Statik aus dem eigenen Leben zu nehmen. Wir sind viel zu komplex und dynamisch, dass wir mit festen Regeln unreflektiert mit unserer Umwelt in Harmonie zusammen leben können. Wir werden blind für die Schönheit des "einfachen". Wir streben nach abstrakten Wünschen, welche teilweise noch nicht mal in uns selbst gewachsen sind. Das Glück suchen wir in der Umwelt - in Statussymbolen, künstlichen Idolen und "alten" Wertvorstellungen. Das ist auch nicht unbedingt verkehrt. Das Problem ist, dass dies alles nur einen kurzfristigen Wert hat, wenn man sich nicht mit sich selbst und dem Objekt intensiv auseinandersetzt. Was bringen einen beispielsweise die tollsten Möbel, wenn man keinen Platz hat diese unterzustellen. Wir greifen nach Dingen und sehen im gleichen Moment weitere. Meistens wird dann das alte achtlos weggeworfen und das neue geholt. Dieser Kreislauf zeigt sich ziemlich gut in beinahe jedem Bereich unseres Konsums. Hier kann man super ansetzten. Je kritischer und reflektierender man konsumiert, desto mehr Wert gewinnt das was man konsumiert. Es ist sicherlich nicht einfach einen kritischen Zugang dazu zu finden, denn Konsum ist komplex und man kann nie alles über ein Produkt wissen. Doch ist es nicht trotzdem einen Versuch wert? Schlussendlich sollte man sich bewusst machen, dass ein solcher Konsum automatisch zu einem geringeren führt. Also selbst wenn ein Produkt wie beispielsweise bio „Fairtrade“ und/oder „Bio“ -Produkt mehr kostet, kann man schlussendlich Geld und auch Ressourcen durch den Kauf langfristig sparen. In unserem System wo Geld so viel Wichtigkeit hat ist dies eine unglaubliche Chance die Hebelverhältnisse der Macht zu ändern. Die Lösung ist nicht mehr Wachstum und mehr Konsum sondern weniger „materieller“ Wachstum und weniger - dafür durchdachter Konsum. Ein solche Nachhaltigkeit schärft unseren Weitblick und wir sind nicht mehr wie manch ein Pferd mit Scheuklappen unterwegs. Wir sollten unsere Augen nicht von der Angst vor Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen und fremden Kulturen einschränken lassen, sondern mit ruhigem Blick analysieren und dynamische Muster der „Statik“ und „Normativität“ dekonstruieren. Der Mensch ist in der Lage frei im Einklang mit der Umwelt zu leben. Anstelle von Affektivhandlungen ist es dafür nötig den eigenen Kompass zu benutzen. Ansonsten kann es einem im Leben schnell so gehen, wie beim blinden Gefolge eines Navis. Man weiß nicht wo man ist, man hat verlernt selbst zu navigieren und das Gerät sagt beispielsweise mitten auf der Autobahn „Bitte wenden“ oder auf dem Feldweg „Jetzt rechts abbiegen“. Ich glaube es ist es nicht wert diesen Empfehlungen nachzugehen oder? Vielleicht ist es besser das Navi nur in Notsituationen zu gebrauchen, wenn die eigene Orientierung gerade mal nicht funktioniert.


Aus der Dunkelheit in die Dämmerung - Schritt für Schritt. Meiner Meinung nach ist es Zeit für die Emanzipation aus den selbstgeschaffenen Abhängigkeiten.

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