Wenn ich danach gefragt werde was ich eigentlich beruflich mache, antworte ich wahrheitsgetreu dass ich Soziale Arbeit studiere. Die Reaktionen darauf fallen sehr unterschiedlich aus. Viele können sich offenbar nicht viel darunter vorstellen, andere zeigen eine mitleidige Sympathie. Sprüche wie: „gut das sich da mal einer drum kümmert“ sind relativ normal. Eine häufig gestellte Frage lautet: „kann man davon überhaupt richtig leben?“ Soziale Arbeit wird oft als eine unterbezahlte Tätigkeit verstanden, in welcher man sich selbstlos für die Probleme anderer aufgibt. Ok, sicherlich, Soziale Arbeit ist kein Feld, in welchem man viel Geld verdient. Aber sie ist auch aus sich heraus keine selbstlose Aufopferung. Meiner Meinung nach kann man auch gar nicht "wirklich" helfen, wenn man sich aufopfert. Das heißt nicht, dass dies in der Sozialen Arbeit nicht geschieht. Der Punkt ist: es geschieht genauso in jedem andern Beruf. Wie viele "Workaholics" kennst du?
Am Anfang meines Studiums fragte mich meine Hausärztin nachdem ich ihr meinen Studiengang genannt hatte: „sind nicht alle Berufe soziale Berufe?“ Ich war absolut baff und wusste nicht wirklich wie ich darauf antworten sollte, wie ich klar machen konnte wie besonders die Soziale Arbeit doch sei. Vorerst musste ich ihr also erst mal recht geben, da ich von meinem Studium noch nicht viel mehr wusste als den Namen: SOZIALE+ARBEIT. Gemeinschaftsarbeit? Das klang irgendwie… nach allem. Au, wie peinlich... Ich hoffte, dass ich bald mehr wissen würde. Aus dieser Blamage heraus habe ich ein gewisses Verständnis für jeden entwickelt, der nicht gleich weiß was Soziale Arbeit ist. Jetzt wo ich bereits im dritten Semester studiere, habe ich eine genauere Vorstellung von meiner Studienrichtung gewonnen. Trotzdem kann ich meine Ärztin in ihrer Aussage nicht so ganz widerlegen. Tatsächlich ist die Soziale Arbeit beinahe allumfassend. Wir studieren Soziologie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Politik, Recht, Kultur, Ethnologie, Geschichte und vieles mehr. Läuft alles gut, sind wir am Ende des Studiums "Eierlegende Wollmilchsäue". Nur als solche kann man die sozialen Probleme der Welt wissenschaftsfundiert begreifen. Sie sind halt komplex und multidimensional und deshalb manchmal nur multidisziplinär zu lösen. Da kann man sich nicht nur auf einen Bereich fokussieren. Der Nachteil daran ist, dass man sich zum einem mit vielem beschäftigen muss, was man gehofft hatte mit der abgeschlossenen Schulausbildung hinter sich gelassen zu haben. Zum anderen ist man höchstwahrscheinlich am Ende des Studiums in keinem Fachgebiet ExpertIn. Aber dafür auch wahrscheinlich kein/e FachidiotIn. Die Eierlegende Wollmillchsau hat also doch ihre Vorzüge.
Auf NEON.de habe ich noch ein weiteres Vorurteil gegenüber der Sozialen Arbeit gefunden:
„Das Sozialarbeitsstudium dient eigentlich nur der Selbstreflexion. Deswegen kann man es gleich bleiben lassen – denn: helfen kann ja jeder“
Auch dieses ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, oder? Ist denn jeder Mensch in der lage zu helfen? Handelt es sich nur um eine Frage des Willens? Schließlich kann jeder einem alten Herren über die Straße helfen oder einer Bettlerin etwas Geld in die Hand drücken. Vor allem spezialisiert Berufe wie ÄrztInnen und LehrerInnen helfen ihren PatientInnen und Schülerinnen doch auch. Ist dies ein Privileg der Sozialen Arbeit? Natürlich kann jeder Mensch helfen, doch gibt es in der Art der Hilfe große Unterschiede. Im Alltag helfen wir vor allem dabei 'affektive Probleme' zu beseitigen, was die Beispiele des Opas und der Bettlerin zeigen. Dabei wir aber meistens nicht lange analysiert. SpezialistInnen wie ÄrztInnen, PsychologInnen und DienstleisterInnen helfen bei konkreten Problemen. Wie der Name schon suggeriert haben sie sich auf einen Teilbereich der Hilfe spezialisiert. SozialarbeiterInnen sind dementsprechend die Bindeglieder, die die Aufgabe haben die Übersicht zu behalten und beim Koordinieren der Hilfe zu helfen. Leider ist dies praktisch nicht immer der Fall. Manche Teilbereiche der Sozialen Arbeit sind so spezialisiert, dass sie oft den Blick auf den Makrokosmos der sozialen Strukturen verlieren. Im Mikrokosmos gefangen wird dann nur noch affektiv gehandelt, wie im Alltag. Hier stimmt der Ausspruch dann: 'helfen' kann jeder!
Die Soziale Arbeit hat also ein Imageproblem und das meiner Meinung nach zu Recht. In meinem ersten Praktikum wurde mir folgender Witz erzählt:
„Was ist der Unterschied zwischen einem Kampfhund und dem Sozialarbeiter im Jugendamt? Der Hund gibt das Kind irgendwann wieder her.“
Im Internet habe ich dann noch diesen Witze gefunden:
„Wieviele Sozialarbeiter braucht man um eine Glühbirne zu wechseln?“
a. „nur einen, aber die Glühbirne muss auch wirklich wollen“
b. „keinen, dafür ist kein Geld in unserem Budget“
c. „drei : Einen für die Arbeit, einen um die Erfahrungen zu teilen, und einen zur Supervision, damit die Professionalität der Arbeit gewährleistet ist“
d. „100 : Einen um die Birne zu wechseln, und 99 für den Papierkram“
e. „keinen. Die Glühlampe ist nicht durchgebrannt, sie erscheint nur unter einem anderen Licht“
f. „bei professioneller Arbeit werden die Glühbirnen alle 24 Stunden gewechselt - egal ob sie wollen oder nicht“
Ich glaube, dass an vielen der mitschwingenden Clichés Fünkchen von Wahrheit dran sind. Durch mein letztes Praktikum im Wohnheim konnte ich den desillusionierenden Theorie/Praxis Unterschied auch schon hautnah miterleben. Mir wurde verraten ich könne all das was ich in meinem Studium lernen würde danach wieder vergessen, da es eh nicht in der Praxis angewandt würde. Das ist natürlich eine Übertreibung, doch woher kann ein solcher Ausspruch kommen? War es ein Einzelfall? Ich glaube nicht. Ich glaube dass hier die noch sehr junge Geschichte der 'Profession' Soziale Arbeit eine Rolle spielt. Erst durch das Bemühen von Menschen wie Alice Salomon - die Gründermutter meiner Uni - wurde die Sozialarbeit zu Zeiten der industriellen Revolution, also ende des 19. Jahrhunderts zu einem anerkannten 'akademischen' Beruf. Die Professionalisierung steckt also noch in den Kindershuhen - gerade mal etwas über ein Jahrhundert lang. Da sollte es nicht überraschen, dass also auch heute noch die Soziale Arbeit nicht immer professionell arbeitet. Es ist relativ gewöhnlich, dass Innovationen viel Zeit brauchen, bis sie in der Praxis ankommen. Wie lange haben wir geglaubt, dass die Erde eine Scheibe sei? Wie lange werden wir wohl brauchen, bis wir eine nachhaltige Energieversorgung haben? Was ich sagen will ist, dass die Soziale Arbeit mindestens zwei Gesichter besitzt - die Praxismaske und die Maske der Theorie. Diese beiden bilden miteinander den Diskurs der Sozialen Arbeit. Wenn sie so unterschiedlich sind, wie ich vermute, dann muss man sie unterscheiden, um die Soziale Arbeit differenziert bewerten zu können.
Zur Verdeutlichung meiner Vorstellung des Diskurses begeben wir uns kurz in eine Allegorie ins Weltmeer. Die Praxis wird durch ein riesiges Schiff dargestellt, welches von Europa nach Amerika schippert. Ich - in der Rolle der Theorie - bin auf einem kleinen Rettungsbot neben diesem. "Hallo!" *freundlichwink* Ein paar Mal habe ich mich kurz an Deck des Kolosses begeben. Trotzdem muss ich einräumen, dass ich es vor allem aus Vorstellungen kenne. Doch das was ich gesehen und mit vorgestellt habe, hat mich bereits überzeugt, dass ich nicht mit nach Amerika fahren will. Ich will nicht in die Karibik sondern nach Ozeanien - wo dies liegt später mehr. Alleine mit meinem Schlauchboot komme ich jedoch nirgendwo hin. Gut dass das Schiff nur sehr langsam ist, so kann ich andocken. Vielleicht kann ich ja ein paar Leute von einer Kurskorrektur überzeugen? Auf alle Fälle muss ich früher oder später auf das Schiff steigen, denn neben meiner Kritik am Schiff ist es doch auch ein nützliches Objekt um voran zu kommen. Es ist zwar keine Eierlegende Wollmilchsau, aber was bekanntlich noch nicht ist, kann ja vielleicht noch werden...
Wenn ich die Möglichkeit hätte würde ich das Schiff gleich ans nächstgelegene Ufer bringen, um eine grundlegende Veränderung vorzunehmen. Etwas an der Grundkonstruktion des Schiffes stimmt nicht und macht eine Weiterfahrt gefährlich. Konkret gesprochen: ich mag die systematischen Exklusionen/Ausschließungen in der Sozialen Arbeit nicht. Überall hat unsere Gesellschaft Normen und Abweichungen aufgestellt (e.g. SGB, ICD 10...). Sei es im Arbeitsmarkt: es ist normal, dass man einer Beschäftigung nachgeht oder zumindest anstrebt, ansonsten erhält man keine Leistungen. Oder sei es bei physischen und psychologischen Problemen. Es muss erst mal ein Krankheitsbild festgestellt werden, bevor einem geholfen werden kann. Das Problem an sih reiht niht aus. Die Sozialarbeit hilft also in erster Linie der Gesellschaft und erst in zweiter Linie den einzelnen Menschen. Damit ist sie ganz klar system-stabilisierend. Ich halte es für wichtig, dass der Mensch im Mittelpunkt des Systems steht und nicht das System selbst. Wie kann es sein, dass wir bei unserer heutigen Definition von Normen meist mehr Leute haben, die von dieser abweichen, als Leute die diese erfüllen? Schürt das nicht eine bittere Frustration? Das Gefühl nicht normal zu sein können wir sicherlich, zusätzlich zu unseren Problemen, nicht auch noch gebrauchen, oder? Sind Probleme denn 'heutzutage' nicht normal???
Würde man hingegen das System auf eine Unterscheidung von Inklusion und Exklusion umstellen, wäre das unnormal-machen und die starke Systemorientierung vielleicht zu vermeiden. Das Ziel der/des SozialarbeiterIn wäre es dann den/die KlientIn vor der Exklusion - dem Fall aus der Gesellschaft - zu bewahren, ihn aber nicht an externen Normen zu messen. Um dies zu illustrieren werde ich kurz aufdecken woher ich meine Idee dazu habe:
„In letzter Zeit werden immer wieder Stimmen laut, die von einer "Inflationierung" des Suchtbegriffs sprechen. Dadurch dass jedes übermäßige Verhalten als Sucht bezeichnet werde, sei der Blick auf die wirklich gefährlichen Süchte verstellt.
Eine solche Argumentation ist insofern nachzuvollziehen, als dass eine Unterscheidung nicht mehr viel Sinn macht, wenn die andere Seite der Unterscheidung, das “Normale”, kleiner wird als das, was als “nicht normal” bezeichnet werden soll. Bei der Sucht führt das dann zu weiteren Unterscheidungen wie "schlimmen" Süchten und "Alltagssüchten". Diese sind aber auch nicht befriedigend, denn es wird niemand bestreiten, dass nicht nur Heroinsucht, sondern auch Ess-, Arbeits-, Sex- oder Spielsucht für die Betroffenen und ihr Umfeld schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Andererseits ist es auch für Heroinabhängige durchaus möglich, ein integriertes Leben zu führen, sofern sie genügend Geld haben, sich sauberen Stoff zu beschaffen.
Hier bietet der Inklusions-/Exklusionsansatz eine neue Definitionsmöglichkeit: Als "Sucht" könnte jedes wiederholte Verhalten bezeichnet werden, welches für die Betroffenen zu Exklusionsproblemen jeglicher Art führt und trotz dieser Probleme nicht unterlassen werden kann“
Ich fand die Argumentation des Autors [Martin Hafen] ziemlich überzeugend. Ich hatte vorher noch keine Ideen gehabt, wie man der System-Stabilisierung der Sozialen Arbeit entgehen könnte. Schlussendlich hoffe ich, dass ich einen kleinen Einblick in die Soziale Arbeit geben konnte. Zum Abschluss noch ein weiterer SozialarbeiterInnen Witz, ach warum nicht gleich zwei. Ich will heute mal "sozial" sein^^

„Günther schnell besauf dich und schlag die Kinder zusammen!! Die Soziologen kommen! Wir sind schließlich Sozialhilfeempfänger und wollen die Leute von der UNI nicht enttäuschen“
Zwei Sozialarbeiter gehen im Park an einem See spazieren. Ein Mann im Wasser schreit verzweifelt um Hilfe. Die Sozialarbeiter gehen unbeeindruckt weiter. Der Mann schreit weiter um Hilfe. Keine Reaktion.
Da ruft der Mann: "Hilfe! Ich ertrinke!"
Meint der eine Sozialarbeiter zum anderen: "Das wurde aber auch Zeit. Endlich hat er sein Problem erkannt."
Da ruft der Mann: "Hilfe! Ich ertrinke!"
Meint der eine Sozialarbeiter zum anderen: "Das wurde aber auch Zeit. Endlich hat er sein Problem erkannt."
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