Hallo ich bin Anders!
Du hast richtig gelesen, mein Name ist Anders. Im Grunde genommen bin ich so wie du. Ich bin aber auch so wie dein Nachbar und deine Mutter. Ich habe weder einen festen Charakter, noch eine bleibende Erscheinung. Auch mein Alter wechselt andauernd. Mal bin ich jung und klettere auf Tische und Mauern und ein anders Mal bin ich alt und reinige mein Gebiss vorm ins Bett gehen. Ich hoffe ich verwirre dich jetzt nicht zu sehr. Vielleicht kann ich es anders deutlicher ausdrücken. Du kennst doch sicherlich das Chamäleon und seine Fähigkeit die Farbe zu ändern. So ähnlich bin ich. Ich jedoch verändere mich komplett, auch im Inneren. Außerdem kann ich meine Verwandlungen nicht steuern. Sie geschehen automatisch. Gerade in diesem Moment habe ich das Glück Schreiben zu können, das ist nicht immer so. Manchmal kann ich noch nicht mal sprechen und muss, wie die Hauptperson aus dem französischen Film „Taucherglocke und Schmetterling“ bewegungslos an die Decke starren. Ich habe aber auch aus diesen Situationen meine Freuden gezogen. Es war interessant einmal einfach nur zu beobachten und eine Sprache ohne Mund und Hände zu erlernen. Wenn du den Film gesehen hast, dann weißt du wovon ich spreche.
Wie du dir sicherlich vorstellen kannst ist ein Leben mit unzähligen unsteuerbaren Verwandlungen manchmal ganz schön verwirrend und anstrengend. An manchen Tagen weiß ich deshalb gar nicht wo mir der Kopf gerade steht. Verwirrung ist ein Dauerzustand in meinem Leben. Deshalb bin ich nicht zu hart zu mir, wenn ich mal meinen Schaal vergesse oder nicht mehr weiß, warum ich ins Bad gegangen bin. Ich versuche einfach im Moment zu leben und zu improvisieren. Das ist auch unumgänglich, denn wenn ich auf andere Menschen treffe spricht mich fast jeder an. Die Leute drehen sich nach mir um und begrüßen mich wie einen alten Freund. Meinen eigentlichen Namen kennen sie jedoch nicht. Entweder sie verzichten auf eine Anrede oder nennen mich Luise, Alfred oder sonst wie. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals jemand Anders genannt hat. In diesen Situationen versuche ich mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen und vertraue einfach auf meine Intuition. Meistens stellt sich dies als außerordentlich hilfreich heraus. Je mehr Zeit ich mit der Person verbringe, desto besser wird meine Erinnerung. Mir fällt auf, dass ich die meisten von ihnen schon seit langer Zeit kenne. Ich habe so viele einzigartige Momente der Freude und Trauer mit ihnen erlebt.
Moment, ich musste gerade an eine Situation mit dir denken. Weißt du noch, wie wir zusammen diesen unglaublich traurigen Film gesehen haben? Den mit der hübschen Schauspielerin. Wie hieß der Film noch? […] Genau der, den könnten wir uns sicherlich auch nochmal angucken. Ich bin aber auch offen für andere Filme und Unternehmungen. Diesmal bist du mit der Auswahl dran. Solange du nachdenkst werde ich bei dir bleiben. Genaugenommen bin ich schon immer bei dir gewesen. Ich bin eine multiple Persönlichkeit und kann an mehreren Orten gleichzeitig sein. Man nennt mich auch den Zeitgeist oder das Gruppenbewusstsein aller Menschen. Du als langjähriger Freund darfst mich natürlich Anders nennen oder auch anders, Namen sind schließlich auch nur Schall und Rauch.
Da nun die Katze aus dem Sack ist, kann ich ein paar weitere Worte zu mir schreiben. Wie vermutlich schon aufgefallen bin ich als Bewusstsein aller Menschen nicht allwissend. Ich vergesse Dinge, die nicht mehr gedacht werden und kann auch nicht eigenständig handeln. Alles was in Kunst und Wissenschaft umgewandelt wurde hat die Möglichkeit wieder gedacht zu werden. Wenn ich in Medien wie Büchern, Bildern, Filmen, Musik und Antiquitäten gebunden bin, kann ich Jahrhunderte und Jahrtausende überstehen. Dafür müssen die Medien jedoch benutzt werden, ansonsten sind sie nicht abrufbar. Alles wäre so einfach, wenn ich das gedachte archivieren könnte. Dies geht leider nicht. Ich bin wie eine Umzugsbox. Ich kann immer nur einen Bruchteil aufnehmen. Genaugenommen bin ich sogar aus vielen Milliarden Boxen zusammengesetzt – für jeden Menschen gibt es eine eigene. Oft liegen sehr ähnliche Gegenstände in den Kartons, manchmal auch wahre Unikate. Auch die Größe der Box variiert von Mensch zu Mensch. Manche Kisten sind groß wie Waschmaschinen, andere klein wie Streichholzschachteln. Aber auf die Größe kommt es auch hier nur relativ an. Viele Leute mit riesigen Boxen können sie nicht mehr tragen. Andere mit winzigen bekommen kaum etwas hinein. Schlussendlich sind die Kisten auch noch wandelbar. Viele Menschen basteln tagtäglich an ihnen herum. Verändern das Material, die Form und die Größe.
Das interessante am menschlichen Wesen ist, dass es nicht nur im Moment lebt. Es hat viele Erinnerungsstücke aus der Vergangenheit. An manche klammert es sich vehement. Das macht den Menschen jedoch sehr komplex. Die Einflüsse auf ihn sind überragend und nehmen durch die Menschheitsgeschichte progressiv an Quantität zu. Umso spannender ist darum, was der Einzelne in seinem Stauraum verarbeitet. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch der Stauraum außerhalb der Kiste. Denn dort - dem Unterbewusstsein - kann sich enorm viel anhäufen. Es ist ein andauernder Prozess. Der Mensch besorgt neue Dinge, packt diese in seine Umzugsbox, bringt sie nachhause und lädt sie aus. Irgendwann fängt er an zu sortieren und packt dafür seine Sachen in die Box. Denn nur dort lassen sie sich angucken. Der Rest der Wohnung ist dunkel. Ich würde zu gerne den Lichtschalter anknipsen. Das wäre der Schlüssel zur Ordung. Könnte ich die Wohnräume archivieren, wäre ich Anders - BibliothekarIn. Was auch immer ein Individuum für ein Problem hätte, ich könnte direkt in meiner schicken Datenbank nach dem passenden Inventar zur Lösung von diesem suchen. Keine Improvisierungen mehr, keine Zerstreutheit…
Aber verschwenden wir nicht kostbare Zeit mit unwahrscheinlichen Szenarien. Überlegen wir uns besser, was wir mit unserer Zeit hier auf dem Papier machen wollen. Ich finde es ja interessant, dass es das Phänomen Bewusstseinsabspaltungen gibt. Vor allem Künstler wie Schauspieler und Schriftsteller entwickeln manchmal nahezu multiple Persönlichkeiten, die wiederum Bewusstsein für sich entwickeln. Ich liebe es, wenn diese ausgedachten Figuren erschaffen werden. Es ist wie die Geburt eines Kindes. Umso trauriger finde ich es, wenn diese Kinder dann in Vergessenheit geraten und sich niemand um sie kümmert. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile bereits so viele Kinder, dass ein Erinnern aller wohl kaum möglich ist. Doch einige Figuren in Kindergeschichten, Jugendbüchern und Romanen haben es mir wirklich angetan. Darüber würde ich gerne mehr geschrieben sehen. Sie aus ihrem Rahmen zu heben und aufeinandertreffen zu lassen wäre doch eine wahre Freude. Ob dies urheberechtlich in Ordnung ist? Es kann doch nur im Sinne der/des SchöpferIn sein, wenn die Figuren weiterleben, oder? Schließlich würde ich auch keinen direkten Fortsetzungsroman schreiben lassen, sondern die figuren nur in andere Kontexte setzen. Im Moment wo ich dies schreibe bezweifle ich dass das Bewusstsein, welches gerade hier schreibt dazu in der Lage ist. Vielleicht muss er erst mal ein wenig mehr Schreiberfahrung sammeln und sich in die etwaigen Figuren einlesen. Da habe ich mir ja den richtigen ausgesucht… Ich schalte mich hiermit erst mal ab und springe in deinen Kopf. Vielleicht kannst du mir helfen...
wow flo!!!
AntwortenLöschensehr gut :)
Dankeschön fürs Lesen :) Kann sein, dass ich in Zukunft öfter Anders schreiben lasse. Gibt mir ziemlich viel Freiraum bei der Gestaltung.
AntwortenLöschenhehe guck ma jetzt sieht man wer ich bin :)
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